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An(ge)dacht: Einfaches Hinsehen reicht nicht

An(ge)dacht : Einfaches Hinsehen reicht nicht

Wer ist Rodney Graham wirklich? "Ein alter Punk am Bezahltelefon" in einem Porträt 2012 oder der "Renaissance Mann" in mittelalterlich geschnittener Kleidung mit Flöte in der Hand, so ein Porträt 2006? Mit einem einfachen Hinsehen ist es nicht getan, um den kanadischen Künstler auf seinen beiden Kunstwerken überhaupt als ein und dieselbe Person zu identifizieren.

Dieselbe Frage nach der Wirklichkeit stellt der Videokünstler Omer Fast mit seiner Arbeit "Talk Show". Wer nur 5 der 65 Video-Minuten aus dem Jahr 2009 sieht, sieht nichts. Nur eine Talk-Show wie jede andere. Wer etwas länger vor den drei Bildschirmen ausharrt, kommt hingegen ins Grübeln. Wenn der interviewte Gast seinen Platz räumt, nimmt nämlich jeweils die neu hinzukommende Person den Platz des Moderators ein. Und die Person, die zuvor noch interviewte, erzählt jetzt die soeben gehörte Geschichte als ihre eigene, ganz persönliche Story.

Von Wechsel zu Wechsel der Personen wird aus der komplizierten (und wahren) Geschichte von Leben, Tod und Liebe aus dem Umfeld des Irak-Krieges eine immer flachere, sexualisiertere Geschichte, die das Publikum im Studio fesselt.

"Propaganda für die Wirklichkeit" heißt die laufende Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen, aus der die drei Kunstwerke stammen. Sie fragen wie alle anderen Ausstellungsstücke nach dem, was "wirklich" ist. Je länger man sich im Schloss Morsbroich aufhält, desto intensiver wird die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Wirklichkeit. Sehen will geübt sein. Nichts ist selbstverständlich, und so, wie es im ersten Moment scheint. Das ist nicht nur in der Gegenwartskunst so, sondern vielmehr eine Grundfrage jeder Weltanschauung. Das wissen nicht nur Christen.

Ostern aber kann Christen das besonders bewusst werden. Eigentlich feiern Christen Ostern nichts anderes als einen neuen Blick auf die Wirklichkeit. Schon die ersten Osterzeugen, von denen die Bibel erzählt, lernten, Jesus neu zu sehen. Jesus war anders, als sie das bis dahin gedacht hatten. Mit seinem überaus brutalen, frühzeitigen Tod am Kreuz musste eigentlich alles vorbei sein, was sich an diesem Hoffnungsträger festmachte. Doch Oster-Augen entdecken, dass in Jesus von Nazareth das Leben endgültig zum Durchbruch gekommen ist und Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Ostern zeigt, wie Gott wahres, erfülltes Leben trotz aller gegenteiligen Erfahrungen schenkt. Wenn ich mich auf diese Spur begebe, bekomme ich Ostern einen neuen Blick für das, war "wirklich" ist. Vielleicht entdecken Sie dieses Ostern die Wirklichkeit ja auch neu?

Andreas Müller Pfarrer, Evangelische Gemeinde Hochdahl.

(RP)