Mettmann: Ein Freundschaftsalbum als Trost

Mettmann: Ein Freundschaftsalbum als Trost

Ein Mettmanner schildert die Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft in Malta. Die Zustände waren sehr schlimm.

Der lange Zeit in Mettmann lebende Eitel Kuhn verbrachte während des Ersten Weltkriegs fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft auf Malta. Sein dort angefertigtes Freundschaftsalbum gibt Aufschluss über diese Zeit. 95 Einträge verschiedener Schreiber finden sich auf den 107 linierten Blättern des nun über 100 Jahre alten Freundschaftsalbums. Einige der Aufzeichnungen geben Zitate aus Gedichten und Strophen wieder, andere sind persönlicher. Und sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie beschreiben das Leben und die Gefühlswelt der im Ersten Weltkrieg im St. Clement's Camp auf Malta eingesperrten Kriegsgefangenen, zu denen auch Eitel Kuhn gehört.

Kuhn ist Sohn einer in Ägypten lebenden deutschen Familie. Nach dem Abitur wird er 1914 im Alter von 18 Jahren als Zivilist von britischen Kriegsbehörden gefangen genommen und in das Kriegsgefangenenlager auf Malta gebracht.

Nach seiner Freilassung im Dezember 1919 kommt er mit dem Schiff nach Deutschland und findet einen Job im Büro eines Bergwerkunternehmens in Dortmund. Später ist er auch für die Mettmanner Firma Boniver tätig. 1923 heiratet er die Buchhalterin Margarete Engelbert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs macht er sich als Fittingsexporteur in Mettmann selbstständig. Hier lebt und arbeitet er etwa 30 Jahre - gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft ist für Eitel Kuhn keine leichte. Mit rund 850 anderen Insassen haust er auf engstem Raum in einer Zeltstadt im Freien. Körperliche Betätigung ist kaum möglich, die Hitze im Sommer bildet dichte Dunstwolken, Sturm und starker Niederschlag durchnässen im Winter die Schlafplätze. Für hunderte Internierte gibt es gerade einmal vier Waschgelegenheiten, die medizinische Versorgung ist miserabel und das Verhalten seitens des Wachpersonals korrupt - wer kein Geld hat, kommt kaum über die Runden. Oft fehlt es zudem an den grundlegendsten Dingen: Wasser und Nahrung sind knapp und teilweise ungenießbar.

Familie Kuhn mit Kindern Richard und Margarete, ca. 1930. Foto: Verlag

Die körperlichen Mängel erscheinen aber schon fast unwichtig, denkt man erst an die unerträgliche Langeweile, die die Insassen erleben. Sie treibt viele in den Wahnsinn: Suizidgedanken und Wahnerkrankungen sind keine Seltenheit. Der Verlust von Freiheit, Familie, Freunden und Perspektiven überwiegt ständig - gelegentliche Gottesdienste, Kartenspiele, Basteln oder einen wöchentlichen Spaziergang über das umliegende Gelände bieten nur wenig Abwechslung im Lageralltag.

Mit der Veröffentlichung des Freundschaftsalbums von Eitel Kuhn durch den an der Universität Malta lehrenden Dozenten Ralf Heimrath, wird die Gefühlswelt der Internierten offengelegt. Im Wissen um das Leiden der Gefangenen wirkt der Inhalt des Albums aber sehr hoffnungsvoll. Die Gefangenen hinterlassen hauptsächlich Texte, die Mut und Hoffnung machen.

Cover des Freundschaftsalbums. Foto: Verlag

Wie vermutlich viele andere Internierte, hat auch Eitel Kuhn die Zeit der Gefangenschaft nie vergessen: Im Alter von 69 Jahren reist er heimlich und gegen den Willen seiner Frau noch einmal nach Malta, um das ehemalige Lager zu besuchen und die Erinnerung an die Gefangenschaft ein halbes Jahrhundert später zu verarbeiten. Acht Jahre später stirbt er im Alter von 77 Jahren in Mettmann.

Ralf Heimrath: "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume" Verlag Königshausen und Neumann 34,80 Euro

(RP)