Die Caritas arbeitet mit Männern und Frauen, die zu Hause gewalttätig geworden sind.

Kreis Mettmann : „Viele haben Gewaltmodelle zu Hause gelernt“

Das Land möchte sich aus der Finanzierung der Täterarbeit zurückziehen, indem es den Tätern einen Eigenanteil an den Kosten aufbürdet.

Ist häusliche Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem oder tritt sie eher in prekären Lebensverhältnissen auf?

Smolka Sie ist definitiv ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir haben sowohl den Malocher, auch den der seit fünf Jahren Hartz IV bezieht, als auch den Chefarzt der Uni-Kliniken. Allerdings rufen im Hochhaus die Nachbarn eher mal die Polizei, wenn sie Schreie hören. In der Eigenheimsiedlung hat man eher Hemmungen, vielleicht weil man vom Nachbarn noch die geliehene und nicht zurückgebrachte Kettensäge in der Garage hat. Wir haben hier alle Bildungs- und Bevölkerungsschichten und alle Nationalitäten und Altersgruppen. Acht bis zwölf Prozent der Täter sind Frauen. Und 47 (etwa 39 Prozent) von in den letzten Jahren durchschnittlich 120 Klienten pro Jahr haben einen Migrationshintergrund.

Was genau ist Täterarbeit?

Smolka Es ist auf jeden Fall mehr als ein „gut, dass wir darüber gesprochen haben, das nächste Mal schlagen Sie bitte nicht mehr zu.“ Es ist anstrengend für Klienten und Berater, aber sinnvoll und effektiv. Ein Programm besteht aus Diagnostik, Risikoscreening und Opfergespräch, es umfasst meist fünf Einzelgespräche und 30 Gruppeneinheiten. Es geht um Selbstwahrnehmung und -kontrolle: Ich muss lernen, meine Körpersignale kennen zu lernen und bewusst wahrzunehmen. Ich muss merken, wann die Wut hochkocht. Wenn sich die ersten körperlichen Anzeichen für einen bevorstehenden Gewaltausbruch zeigen, muss man wissen, wie man aus der Nummer herauskommt. Und man spricht mit den Klienten über die Bilanz der Gewalt: Denn die Vorteile – ich habe mir Respekt verschafft, endlich herrscht Ruhe… – sind oft nur kurzlebig, die Nachteile wiegen schwerer und halten länger an – für den der Gewalt ausübt wie für den der sie erfährt. Ein weiteres Gesprächsthema ist das eigene Männerbild oder die Vaterrolle, denn viele der Klienten haben die Gewaltmodelle, die sie anwenden, meist zu Hause erlernt. Viele der Jungen, die sich einst geschworen haben, wenn sie groß sind, den prügelnden Vater zu verhauen, haben dann ihre Ehefrauen geschlagen.

Wie kriegt man denn so etwas wieder heraus?

Smolka Wir machen viele Empathieübungen, Rollenspiele, in denen die Täter in die Haut der Opfer schlüpfen müssen. Wenn sie dann erleben, wie sich das Opfer fühlt, ist das oft prägender als jegliche theoretische Vorgehensweise. Viele Täter haben ihr Verhalten durch das väterliche Vorbild erlernt. Was man sich angewöhnt hat, kann man sich auch wieder abgewöhnen. Ein Problem ist, wenn hinter diesem gewalttätigen Verhalten eine manifestierte Sucht, wie Alkoholismus, steht. Dann gehört in den Notfallplan, dass man Alkohol tunlichst meidet oder besser noch eine Suchttherapie im Vorfeld oder begleitend zum Training der Fachberatung gegen häusliche Gewalt macht. Ich hatte zum Beispiel mal einen Täter, der im Suff fast seine ganze Familie ausgelöscht hätte. Wenn der die anderen Gruppenmitglieder eindringlich warnt und rät, vom Alkohol zu lassen, ist das viel wert.

Wie groß sind die Erfolgschancen, wenn die Täter vom Gericht die Auflage bekommen haben, an einem sozialen Trainingskursus teilzunehmen, das also nicht freiwillig tun?

Smolka Etwa zwei Drittel der Täter kommen, weil der Staatsanwalt eine Gewaltberatung zur Auflage macht, andernfalls würde es zur Hauptverhandlung kommen. In diesem Jahr hatten wir im ersten Halbjahr allerdings 38 zugewiesene Klienten, von insgesamt 83. Es ist zuweilen schwer, mit diesen Menschen zu arbeiten. Da zeigen sich oft Widerstände. Ich muss dann gucken, ob da ein Mindestmaß an Willen ist, Verantwortung für die Tat zu übernehmen, die Tat vor sich einzugestehen, ob der Täter versteht, was passiert ist. Wenn ich jedoch erkenne, dass der Täter nach den Einzelterminen beratungsresistent ist, dann ist es für mich angesichts der knappen Ressourcen sinnvoller, mit den Menschen zu arbeiten, deren Veränderungswille deutlich erkennbar ist. Fünf Täter haben in diesem Jahr die Beratung abgebrochen.

Wie hoch ist das Rückfallrisiko?

Smolka Laut einer Umfrage zum Thema Täterarbeit in Österreich, der Schweiz und Deutschland beträgt die Rückfallquote mit milderen Vorfällen als zuvor etwa 20 Prozent. Täter, die abgebrochen haben, haben ein Rückfallrisiko von 80 Prozent mit intensiveren Gewaltausbrüchen. Was viele, die freiwillig kommen, antreibt, ist, nicht so zu werden wie ihr Vater. Ein häufig genanntes Argument sind auch die Kinder. Ein Vater hat mir kürzlich gesagt, dass sich seine Frau ab und zu eine fängt, wie er es formulierte, komme vor, aber seine Kinder sollen keine Angst vor ihm haben. Er hatte dann nach einem Ehestreit erlebt, wie sich seine Tochter bei seinem Anblick hinters Bett gekauert hatte. Das war für ihn Grund genug, sich hin zu einem gewaltfreien Leben unterstützen zu lassen. Die seelischen Folgen für Kinder, die häusliche Gewalt miterlebt haben, sind bekannt. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, steigt auf 60,4 Prozent.

Wie sieht es mit der finanziellen Ausstattung der Präventionsstelle aus?

Andreas Smolka ist für die Täterarbeit der Caritas tätig. Foto: Andreas Smolka/Andreas E. Smolka - Germany

Smolka Einen Teil trägt der Kreis, einen das Land und einen erheblichen Teil der Caritas-Verband selbst. Der Verband hält die Arbeit für wichtig, weil Täterarbeit Opferschutz bedeutet. Das klingt einfach, aber nur der Täter kann die Gewalt beenden, das Opfer kann nur ausweichen. Das Land möchte, dass wir von den zugewiesenen Tätern einen Teilbetrag einziehen. Das Land will dann seinen Anteil um den Eigenanteil reduzieren. Aber welchen Täter soll es motivieren, sich für 2000 Euro einer Beratung zu unterziehen, wenn er mit der Staatsanwaltschaft eine geringere Geldstrafe aushandeln kann? Die Niedrigschwelligkeit wäre dahin. Wenn zudem die pauschal gezahlten Landesmittel aufgebraucht sind, arbeiten wir für Gottes Lohn. In Duisburg, Kleve und Wesel sowie in anderen NRW-Regionen haben die Kollegen die Täterarbeit schon aufgegeben.

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