Erkrath Der verpasste 100. Geburtstag der Bücherei

Erkrath · Am 4. Februar 2012 hätte die Erkrather Stadtbibliothek 100-jähriges Bestehen gefeiert. Das Gründungsdatum wurde erst jetzt durch einen Zufallsfund im Stadtarchiv bekannt.

 In alten Akten fand sich jetzt durch Zufall ein Hinweis auf das Eröffnungsdatum der Stadtbibliothek.

In alten Akten fand sich jetzt durch Zufall ein Hinweis auf das Eröffnungsdatum der Stadtbibliothek.

Foto: Stadtarchiv Erkrath

Am 4. Februar 2012 hätte die Erkrather Stadtbibliothek 100-jähriges Bestehen gefeiert. Das Gründungsdatum wurde erst jetzt durch einen Zufallsfund im Stadtarchiv bekannt.

 Mit 500 Büchern ging die Bibliothek vor 101 Jahren an den Start. Inzwischen hat sie 65 000 Titel im Bestand.

Mit 500 Büchern ging die Bibliothek vor 101 Jahren an den Start. Inzwischen hat sie 65 000 Titel im Bestand.

Foto: Stadtarchiv erkrath

100 Jahre Stadtbibliothek Erkrath: Das wäre eigentlich ein Grund zum Feiern gewesen. Nur dass im vergangenen Jahr noch niemand wusste, dass es diesen Anlass überhaupt gibt. Zu undurchsichtig war die Aktenlage und keiner hatte sich bis dahin die Mühe gemacht, unzählige Ratsprotokolle durchzuwälzen.

Bis zu dem Tag, an dem sich Hans-Joachim Dietz gemeinsam mit Erika Stubenhöfer auf die Suche machte. Der Vorsitzende des Erkrather Geschichtsvereins und die Stadtarchivarin blätterten durch alte Akten, um eigentlich einem gänzlich anderen Ereignis auf die Schliche zu kommen. "Das war eher ein Zufallsfund", erinnert sich Erika Stubenhöfer an den Moment, als beide plötzlich über ein Datum stolperten: Am 4. Februar 1912 wurde im Erkrather Rathaus die erste Volksbibliothek eröffnet.

"Vorher hatte es schon Schulbüchereien und Pfarrbibliotheken gegeben", berichtet Hans-Joachim Dietz von seinen umfangreichen Recherchen, die er seither betreibt. So soll es bereits Jahre vor der offiziellen Eröffnung der Gemeindebücherei im Anbau des Rathauses eine Schulbücherei an der katholischen Grundschule gegeben haben. Von dort meldete sich jedenfalls Hauptlehrer Heinrich Pelser zu Wort und berichtete von "269 Bändchen, von denen 46 im Laufe der Zeit unbrauchbar geworden sind."

Mehr als 350 Bücher sollen auch im Unterbacher Vereinshaus gestanden haben. Dort war es Pfarrer Beyhoff, der sich "um den moralischen Tiefstand der Bevölkerung in Unterbach" sorgte. Außerdem hatte es dort auch Debatten darum gegeben, ob "Nichtkatholiken" die Ausleihe gestattet werden solle. Überhaupt war man vor 100 Jahren offenbar noch sehr besorgt um den Hang der Bevölkerung zu "Schundliteratur". Seitenlange Abhandlungen an den damaligen Bürgermeister Franz Zahren wurden verfasst, um diesen offenbar um sich greifenden Trend zu stoppen.

"Es ist ein unermüdlicher Kampf, der gegen die Auswüchse der Unterhaltungsliteratur und den die Sittlichkeitsbegriffe verwirrenden literarischen Schund gekämpft wird", ist in einem Schreiben zu lesen, dass noch vor der Eröffnung der Gemeindebücherei auf dem Schreibtisch des Verwaltungschefs landete. Der hatte sich nun also damit zu befassen, was in der neuen Gemeindebücherei in den Regalen stehen durfte. Statt Schauerromanen sollten die Erkrather doch besser zu Goethe greifen. Bildung statt seichter, literarischer Kost: Das sollte das Credo der Volksbücherei sein. Deshalb durfte auch nicht irgendwas bestellt werden. Stattdessen wurden alle Neuanschaffungen penibel aufgelistet. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Jugendliteratur, denn die Erfahrungen im benachbarten Düsseldorf hatten ergeben, dass vor allem junge Mädchen zu Büchern griffen. Von den 650 Reichsmark, die für die Erstausstattung der Bücherei zur Verfügung standen, wurden unter anderem Geschichten über Kolonialfeldzüge und Nansens Nordpolfahrt angeschafft. Ein wenig Unterhaltung gab's mit den Erzählungen von Paul Keller und dem "Sohn der Hagar" dann aber doch noch.

(magu)
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