Mettmann: Der Neandertaler war nicht wählerisch

Mettmann : Der Neandertaler war nicht wählerisch

Das Neandertaler-Genomprojekt des Leipziger Max-Planck-Instituts ist am Ziel. Nun steht fest: Der Neandertaler war nicht monogam.

Geahnt haben wir es ja schon immer. Nun gibt es endlich auch den wissenschaftlichen Beweis: Der Neandertaler hat es mit der Treue offenbar nicht so genau genommen. Das im Jahre 2006 vom Leipziger Max-Planck-Institut initiierte Neandertaler-Genomprojekt hat vor wenigen Tagen die Ziellinie überschritten und was unterm Strich dabei herauskam, beflügelt jenseits allen Forschergeistes auch die Fantasie.

Demnach könnte es im Neanderland in Sachen Sex hoch her gegangen sein. Der ganzen Sache auf die Schliche gekommen sind die Forscher übrigens durch einen etwa 50 000 Jahre alten Zehenknochen einer Neandertaler-Frau, der in der Denisova-Höhle im russischen Altai-Gebirge ausgegraben wurde. "Wir haben verschiedene Inzuchtszenarien am Computer durchgeführt und dabei entdeckt, dass die Eltern der Frau entweder Halbgeschwister mütterlicherseits, Großcousin und Großcousine, Onkel und Nichte, Tante und Neffe, Großvater und Enkelin oder Großmutter und Enkelsohn gewesen sein müssen", sagt Populationsgenetiker Montgomery Slatkin. Wer hat da nochmal mit wem auf dem Bärenfell gelegen?

Emotionale Befindlichkeiten angesichts wechselnder Partner dürften inmitten des stetigen Kampfes ums Überleben wohl eher keine Rolle gespielt haben. Foto: Neanderthal Museum

Für alle, die bei der Aufzählung den Überblick verloren haben, sei eines gesagt: Inzucht war im Neanderland offenbar an der Tagesordnung. Jeder mit jedem scheint quasi zum Alltag gehört zu haben. Haben unsere männlichen Vorfahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Jagdwild laufen lassen, um dem nächstbesten Fellröckchen hinterherzuschleichen? Ein Paarungsakt zwischendurch, während die anderen im Wald Beeren sammeln? Womöglich war das ganze Neanderland ein steinzeitlicher Swinger-Club?

Unsere männlichen Vorfahren sind offenbar jedem Fellröckchen hinterhergelaufen. Foto: Neanderthal Museum

Bärbel Auffermann winkt lächelnd ab. "Da können Sie ruhig eine kleine Liebesgeschichte schreiben", beginnt die stellvertretende Direktorin des Neanderthal Museums mit ihrer Version der Neandertaler-Liebes-Geschichte. Dass es im "Gesteins" pausenlos zugegangen sein soll wie bei den lüsternen Bonobo-Affen, glaubt Auffermann nicht. Statt sich ums Überleben zu kümmern, ständig unterm Bärenfell zu verschwinden und sich in Sachen Beischlaftechnik auch noch durchs komplette Kamasutra zu experimentieren? Da wäre die Menschheit wohl ziemlich schnell ausgestorben. "Beim Neandertaler kommt mir durchaus Romantik auch in den Sinn. Und verliebt waren sie bestimmt auch", glaubt Bärbel Auffermann. Auch bei Führungen durchs Museum wird sie oft danach gefragt. "Haben die sich auch geküsst?", wollen schon die jüngsten Besucher wissen.

Auf Basis dieses Knochens einer Neanderthaler-Frau wurde die wissenschaftliche Studie durchgeführt. Foto: Viola Bence, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Dass Monogamie im Neandertal ein hohes Gut gewesen sein könnte, glaubt allerdings auch die stellvertretende Museumsleiterin nicht. "Klar, die Öffentlichkeit stürzt sich jetzt auf Inzucht und Sex. Aber was erwartet man, wenn es nur wenige Menschen auf großem Raum gibt", stellt sie klar, dass das Ergebnis der Leipziger Studie zwar ein sensationeller wissenschaftlicher Nachweis, aber eigentlich keine Überraschung ist. Ein Tabu-Thema war das Sexleben unserer Vorfahren auch vorher nicht. Erst vor zwei Jahren hatte das Leipziger Max-Planck-Institut das Erbgut des Neandertalers mit dem Genom des modernen Menschen verglichen und festgestellt, dass wir alle ein Stück Neandertaler in uns tragen.

Übrigens: Auch der "steinzeitliche Swinger-Club" hat die Forschung bereits beschäftigt. Dafür haben die Wissenschaftler unseren Vorfahren im wahrsten Sinne des Wortes genau auf die Finger geschaut und das Ergebnis war durchaus alltagstauglich. "Das Sexualhormon Testosteron beeinflusst die Länge des Ringfingers im Verhältnis zum Zeigefinger. Es macht männlicher und aggressiver in Konkurrenzsituationen", ließen uns die Forscher der University of Liverpool schon vor drei Jahren wissen.

Nun ist also mit dem Leipziger Genomprojekt noch ein Zehenknochen hinzugekommen und die wissenschaftliche Erkenntnis, dass es zu gleicher Zeit mindestens vier Unterarten der Gattung Homo gegeben haben muss. Gepaart wurde sich offenbar mit jedem, der gerade verfügbar war. Das macht es für die Wissenschaftler nicht gerade einfach, das steinzeitliche Miteinander zu entschlüsseln. Eines dürfte jedenfalls schon mal klar sein: Emotionale Befindlichkeiten angesichts wechselnder Partner dürften inmitten des stetigen Kampfes ums Überleben wohl eher keine Rolle gespielt haben. "So etwas wie Eifersucht konnten sich Neandertaler bestimmt nicht leisten", glaubt auch Bärbel Auffermann.

(magu)
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