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Wülfrath: Den Kriegstoten auf der Spur

Wülfrath : Den Kriegstoten auf der Spur

Seit 1988 sucht Wilfried Roguschak auf russischen Schlachtfeldern nach gefallenen Soldaten. Der Wülfrather arbeitet zusammen mit 100 Mann aus der deutschen Sektion "Vermisst in Russland".

Viel hat sich verändert auf dem heute so bunten, wildwuchernden Grundstück an der Wilhelmshöhe. "Dort, wo jetzt der Anbau steht, war früher ein Bretterverschlag mit Hühnern und Hasen", erklärt Wilfried Roguschak und zeigt auf eine gelbe Hauswand. "Und ganz früher ein unterirdischer Bunker." Und genau dort, in seinem Elternhaus, mitten in der heutigen Einfamilienhaussiedlung, beginnen die frühesten Erinnerungen des heute 75-jährigen Wülfrathers. Erinnerungen an Krieg, Trauma und den Beginn eines leidenschaftlichen Engagements.

Schillernde Schulzeit

1939, zu Kriegsbeginn, kam Wilfried Roguschak in die Schule. Er war groß gewachsen und hatte viel Muskelkraft, erinnert er sich heute in seinem Lieblingsstuhl im heimischen Garten. Seine ersten Jahre in der Schule beschreibt er als schillernd. Zeltlager in einem Wald, wo heute das Gymnasium steht, Ausflüge in die niederbergische Natur, ab und zu sogar ein Besuch im Kino.

"Aber statt Volkslieder brachte man uns faschistische Heldenlieder bei. Und statt auf der Straße hüpfen und Fangen zu spielen, spielten wir Krieg." Doch den Wülfrathern sei es gutgegangen, so Roguschak. Noch heute höre er die Kriegsbegeisterung der tratschenden Frauen aus der Nachbarschaft in seinen Ohren. "Doch mit den Bomben wich die Euphorie. Stattdessen kam mit ihnen der Postbote, hunderte Todesnachrichten im Gepäck."

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Vom heimischen Garten aus konnte der damals Zehnjährige nachts über die unbebauten Felder bis in das brennende Wuppertal sehen. "Da wollte ich einfach nur sterben." Doch mit der "Stunde Null" kam der Neuanfang. Der junge Wülfrather wurde erwachsen, heiratete und gründete eine Familie. Das Leben lief in geregelten Bahnen. "Bis dieser Film im Fernsehen kam", erinnert er sich und lächelt. Auf dem heimatlichen Bildschirm sah der Hobby-Pilot Bilder eines alten deutschen Kriegsflugzeugs, das mitten in einem russischen Wald abgestürzt war. "Das wollte ich haben." Gesagt, getan – Familie Roguschak reiste 1988 zum ersten Mal in die Nähe von Leningrad. Tatsächlich fanden sie die mehr als 40 Jahre alte Maschine. Mit ihr die gesamte tote Besatzung. Seit diesem Erlebnis, das in ihm "ein Gefühl von ohnmächtigem Entsetzen" auslöste, arbeitet Wilfried Roguschak zwei Monate im Jahr in den russischen Wäldern. Mit einer rund hundert Mann starken Gruppe gräbt er nach Überresten und Erkennungsmarken deutscher sowie russischer Soldaten, um diese zu beerdigen und die Marken den hinterbliebenen Familien zu bringen. Sein Ziel: "Toten Menschen Würde schenken und tote Väter, Großväter und Söhne endlich nach Hause bringen."

30 000 tote Soldaten geborgen

Rund 30 000 tote Soldaten hat die Gruppe um Wilfried Roguschak in den vergangenen 24 Jahren geborgen. Darunter 500 Deutsche, von denen die engagierten Ehrenamtlichen 200 identifizieren konnten.

Ein großer Dienst an der betroffenen Generation, an deren Kindern – und vielleicht auch an sich selbst: "Nie habe ich den Krieg verstanden", sagt Roguschak kopfschüttelnd. "Aber immerhin habe ich einen Teil dazu beigetragen, dieses furchtbare Andenken zu bewältigen."

(nibo)