Einkehr In Die Geschichte (2): Aus den Kalkwerken hinter die Theke

Einkehr In Die Geschichte (2): Aus den Kalkwerken hinter die Theke

Seit mehr als einem Jahrhundert ist das Lokal "Im kühlen Grund" im Neandertal in Familienbesitz.

Ohne Schnaps ging gar nichts. Zumindest nicht für Jacob Pabst, der seinen Gästen den leckeren Tropfen auf keinen Fall vorenthalten wollte. So einfach war das allerdings nicht mit dem Hochprozentigen, damals, vor mehr als 100 Jahren im lauschigen Neandertal. Dort jedenfalls hatte sich Jacob Pabst "Im kühlen Grund" niedergelassen. Von seinem Job als Schmied bei den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken hatte der ambitionierte Wirt offenbar genug.

Ansicht heute: Die Reklame-Schrift ist gleich geblieben. Foto: Anja tinter

Also wurde auf dem Flurstück 45 gebaut und im Keller des Lokals nicht nur Bier abgefüllt, verkauft und ausgeliefert. "Unser Ururgroßvater brachte von seinen Liefertouren auf dem Pferdewagen auch oft ein Fässchen Schnaps mit. Der wurde dann trinkfertig verschnitten und unter der Ladentheke an die Kundschaft verkauft", plaudert Markus Schulte (48) aus dem Nähkästchen. Seit mehr als einem Jahrhundert ist das Lokal nun schon im Familienbesitz. Der Grundstein wurde im Jahre 1904 gelegt, und nachdem als Erstes ein Brunnen zur Wasserversorgung gebohrt werden musste, eröffneten Jacob und Maria Pabst das Haus ein Jahr später als Kantine für die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke. Die Kalkwerker kehrten auf dem Weg zur Arbeit ein, und einige übernachteten regelmäßig in einem der neun Fremdenzimmer.

Zur Selbstversorgung lebten gemeinsam mit der Familie Ziegen, Pferde und Hühner auf dem Grundstück. Aus der Ehe von Jacob und Maria Pabst gingen drei Kinder hervor. Tochter Anna übernahm die Geschäfte und übergab sie im Jahre 1948 an die Tochter ihres Bruders Hermann, der sich damals in Gruiten als Metzger einen Namen gemacht hatte. Während früher Kohleöfen die Gasträume heizten, wurde nun eine Heizungsanlage eingebaut.

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Adolf und Hilde Rauschmann machten sich mit ihrer guten Küche einen Namen. Vor allem für das legendäre Eisbein mit Sauerkraut und Püree reisten die Gäste von nah und fern an. Damals musste warmes Essen jedoch bestellt werden, da auf der täglichen Speisekarte nur "Schnittchen" eingeplant waren. "Wir haben morgens aus dem Fenster geschaut und nach dem Wetter entschieden, was vorbereitet werden musste", erzählt die jetzige Inhaberin Hildegard Schulte (76), die das Lokal im Jahre 1977 von den Eltern übernommen hat. Bei schönem Wetter wurde die Küche früh in Betrieb genommen, um zu backen und zu kochen. Nachdem man "Im kühlen Grund" länger als 50 Jahre den Durst mit Düssel Alt löschen konnte, läuft mittlerweile Schlösser Alt durch den Zapfhahn "Die Brauerei hat geschlossen" bedauert die Wirtin, dass eine langjährige Tradition zu Ende ging. Mehr als fünf Jahrzehnte kam derselbe Brauereivertreter alle zwei Wochen vorbei. Mit 80 Jahren ist er in den Ruhestand gegangen. "Früher kam der Vertreter zu Fuß, besuchte alle umliegenden Lokale und gab den Gästen und sich selbst einen aus", erinnert sich Markus Schulte an vergangene Zeiten.

Gekocht wird "Im kühlen Grund" übrigens immer noch deftig bergisch. Neben dem traditionellen Schnitzel stehen auch Pillekuchen und gebratene Blutwurst auf der Speisekarte.

(magu)
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