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Augenzeugin erzählt im Mettmanner Heresbach-Gymnasium über ihre Zeit im Konzentrationslager Bergen-Belsen

Konrad-Heresbach-Gymnasium : Augenzeugin erzählt von ihrer Zeit im KZ

Yvonne Koch packte ihren „Rucksack“ an Erinnerungen aus. Die Schüler waren tief beeindruckt.

Dr. Yvonne Koch, gebürtig aus Pressburg, dem heutigen Bratislava, wurde als Zehnjährige von den Nazis in das Konzentrationslager Bergen Belsen verschleppt. Über ein halbes Jahr litt sie Hunger, die Einsamkeit war erdrückend, denn in solchen Situationen ist Nächstenliebe oder Solidarität wohl eine Utopie, - jeder denkt nur noch an sich und das eigene Überleben.

Der Vater, von jüdischer Abstammung, war Arzt und durfte nach Erlass der Rassengesetze seine Praxis nicht mehr führen. Dennoch behandelte er heimlich zwei Regimegegner und musste daraufhin fliehen. Die kleine Yvonne wurde aus einem katholischen Kloster als Geisel entführt und in einem Viehwagen der Deutschen Reichsbahn nach Bergen Belsen nahe Celle transportiert.

Schon der Transport muss die Hölle gewesen sein, Frauen haben geschrien, es stank, Exkremente lagen auf dem Boden, es gab kein Wasser und erst recht nichts zu essen. Einige sind schon auf dem Transport gestorben. Und dazwischen kauert ein 10-jähriges Mädchen - alleine, ohne Mutter.

Nach der Ankunft wurde selektiert: die jungen Frauen wurden zur Arbeit abkommandiert, die alten zum? - ja eigentlich, zum Sterben. „Bergen Belsen war ein Hunger- und Sterbelager“, blickt sie zurück. Der Zählappell am frühen Morgen dauerte drei Stunden, es war der Winter 1944/45. Niemand durfte sich bewegen, die Frauen froren und einige überlebten schon den Appell nicht. Yvonne hat viel gebetet. „Die Gefühle“, so Koch „wurden auf das Primitivste reduziert“.

Das einsame Kind fand einen Abfallhaufen, aus dem sie einige Kartoffelschalen ziehen konnte, die sie anschließend erwärmte. In der Baracke, die für circa 80 Personen gedacht war, mussten an die 300 Frauen versuchen zu überleben. Harte Holzpritschen mussten sie sich zu zweit teilen. Der Tagesablauf war geprägt von Hunger und Furcht. Immer wieder lagen Leichen herum und Yvonne suchte nach dunklen Haaren, ob ihre Mutter darunter sei. Und sie war glücklich, sie nicht gefunden zu haben. Es gab keine Toiletten, nur ausgehobene Gruben, in denen sich der Unrat sammelte, dazwischen ein Embryo, Blut und was sonst noch.

Yvonne wurde krank, fiel ins Koma und konnte so den Moment der Befreiung nicht miterleben. Am 15. April 1945 öffneten englische Soldaten die Tore von Bergen Belsen und die Kleine wurde in ein Lazarett gebracht. Als sie wach wurde, lag sie in einem weiß bezogenen Bett. Der Suchdienst des Roten Kreuzes funktionierte recht bald und Yvonne, mittlerweile elf Jahre alt, konnte zurück zu ihren Eltern.

Ihr Vater tat wohl das damals einzig richtige: er ermutigte seine traumatisierte Tochter, Sport zu treiben. Und Yvonne ging in einen Schwimmverein, sie lernte Erfolg durch Ausdauer und Disziplin, wurde gar tschechische Meisterin und fand dadurch den Weg zum Abitur und zum Studium der Medizin. Sie lernte ihren Mann kennen.

Nun stand sie vor den Schülern der Jahrgangsstufe neun des Konrad-Heresbach-Gymnasiums, und packte ihren „Rucksack“ der Erinnerungen aus. Alle waren ergriffen von der tiefen, menschlichen Art und ihre eindringlichen, wiederholten Appelle dürfen nicht verhallen: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“. Atemlose Stille – zunächst konnte niemand der Aufforderung, Fragen zu stellen, nachkommen. Doch dann fassten die ersten Mut: Können Sie vergeben? Ja, Rache ist nicht hilfreich. Hat sich die Beziehung zu Ihren Eltern normalisiert? Ja, ich hatte tolle Eltern. Wie empfinden Sie die politische Entwicklung in Europa? Ihr, die Jugend, seid meine Hoffnung. Und die Hoffnung? Da hilft mir der Glaube.