An(Ge)dacht in Mettmann Stille wagen

Es hat mich dann doch erstaunt, dass mir bei zwei jungen Menschen die Sehnsucht nach Stille begegnete. Der eine kam aus einer Urlaubswoche auf einer angesagten Party-Insel. Er war froh, in die Ruhe und Beschaulichkeit des Elternhauses zurück- und einzukehren.

 Pfarrer Klaus Schilling.

Pfarrer Klaus Schilling.

Foto: Schilling

Die andere war fünf Monate in Europa unterwegs. Ihr Fazit: „Ich habe die Ruhe auf dem Land und in den kleinen Ortschaften genossen“. Beide leben derzeit in Großstädten und sind wahrlich keine „Landeier“. Aber nach ihren unterschiedlichen Erlebnissen sehnten sie sich nach der Stille.

Stille – ein Wort, das vielleicht bei Ihnen gemischte Gefühle auslöst und mit Leere und Einsamkeit verbunden wird. Sicher: Stille zwingt mich, innezuhalten, nachzudenken und konfrontiert mich mit mir selbst. Nicht immer kommen dabei schöne Erinnerungen, Gedanken und Fragen zum Vorschein, sondern auch solche, die uns herausfordern: Bin ich wirklich glücklich? Was erwarte ich von meinem Leben? Habe ich das Richtige getan? Mache ich das, was ich möchte? Manche Fragen und Gedanken sind unbequem. Daher ist es beliebter, sich mit anderen Dingen davon abzulenken.

Eine Alternative dazu liefert der 131. Psalm: „Ich ließ meine Seele ruhig werden und still“. - Der Anfang der Stille ist zunächst mal „kein Input mehr von außen“, sondern das Sein für und bei sich selbst. Aber: Ist das nicht Luxus?

Ja, ist das nicht Introvertiertheit, die wir uns gar nicht leisten dürfen angesichts der Not dieser Welt? Sollten wir nicht eher immer wieder lautstark öffentlich protestieren, um auf globale Missstände aufmerksam zu machen und auf ethische Werte hinzuweisen?

Natürlich sollten wir das alles auch tun, aber es führt kein Weg daran vorbei, dass es gerade in unserer so lauten und zerrissenen Zeit notwendig ist, dass wir uns auf ein Innehalten und Stillwerden einlassen. Aber wozu? Zum Beispiel dazu, dass wir uns selbst wahrnehmen und uns nicht im Alltagslärm zu verlieren. Auch dazu, dass wir unseren Standort im Leben klären, um unsere eigenen Bedürfnisse lebendig zu wissen, die Nahrung erhalten wollen. Zuletzt liegt im Schweigen und in der Stille die Chance, einem inneren „Herrschaftswechsel“ zuzustimmen: „Dein Wille geschehe“. Diese vertrauensvolle Haltung klärt die Frage, wem wir die Macht über unser Leben zugestehen. Solch persönliches Gebet verbindet uns mit Gott, den wir in der Stille am tiefsten Grund unserer Seele finden können: „Denn keinem von uns ist er fern. Durch ihn leben wir doch bewegen wir uns und haben wir unser Dasein“.

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