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Zwei Frauen führen Meerbuscher Traditionsbäckerei

Bäcker-Tradition : Die starken Wieler-Frauen

Nach dem plötzlichen Tod des Meerbuscher Bäckermeisters Jochen Wieler im Sommer 2019 lenken nun Frau und Tochter die elf Filialen. Hannah Wieler hat den Meisterbrief erworben und studiert jetzt noch Betriebswirtschaft.

Mit 20 Jahren schon Bäckermeisterin – eine stramme Leistung. Wie man das schafft, hat Hannah Wieler vorgemacht. Nach dem Abitur eilte sie im Sauseschritt durch die Ausbildung. Ihren Gesellenbrief erhielt sie bei verkürzter Lehre im Januar 2019. Und dann sofort ab zur Meisterschule. „Alles lief sehr, sehr gut“, erzählt sie.

Hannah Wieler (v.), Jahrgangsbeste in der Kreishandwerkerschaft Niederrhein. Foto: Merzenich Marketing GmbH/Erste Deutsche Baeckerfachschule

Der Schock kam aus heiterem Himmel, kurz vor der Abschlussprüfung im Juli: Ihr Vater Jochen Wieler starb ganz plötzlich, er wurde nur 56 Jahre alt. „Sein Tod erscheint uns noch immer irreal, wirklich begreifen können wir ihn nicht“, sagt Hannah Wieler. Ihre Mutter Sylvia sitzt neben ihr und nickt. „Wir denken oft, gleich kommt er durch die Tür.“ Wäre es so, würde er stolz sein auf seine beiden Frauen.

Auszeichnung für das Super-Brot. Foto: Merzenich Marketing GmbH

Sylvia Wieler kümmerte sich schon zuvor um Verwaltung und Personalwesen der elf Bäckerei-Filialen in Meerbusch, Neuss und Willich. Jetzt ist sie Geschäftsführerin und steht mit dem gleichen Engagement ihrer Tochter zur Seite, die sich auf ihren erworbenen Lorbeeren nicht ausruhen mag. Die Ehrung zur Jahrgangsbesten in der Kreishandwerkerschaft Niederrhein war für Hannah Wieler nur ein Meilenstein. Sie strebt weiter nach vorn, hat gerade in Düsseldorf ihr Studium der Betriebswirtschaft aufgenommen. Warum ist ihr das wichtig? „Das Handwerk liegt mir sehr am Herzen“, antwortet sie. „Aber mit dem Meister allein kann man heute keinen größeren Betrieb mehr führen. Dafür braucht es einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund.“ Dass sie einmal Nachfolgerin ihres Vaters werden würde, war für sie schon als Kind sonnenklar. „Ich kann gar nicht sagen, warum“, erzählt sie. „Zumal ich nicht in der Backstube groß geworden bin und auch nie zu etwas gezwungen wurde. Der Wunsch muss tief in mir verwurzelt gewesen sein.“ Erinnern kann sie sich allerdings noch an manche Freitagnacht, in der sie ihrem Papa beim Backen zuschauen durfte. Später half Hannah Wieler im Verkauf und verdiente so ihr Taschengeld. „Ich mochte den Kontakt den Kunden und wollte diesen Beruf unbedingt ausprobieren. Länger im Laden zu bleiben oder gar das frühe Aufstehen konnten mich nie abschrecken“, sagt sie.

Das gute Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, begleitete sie durch die gesamte Ausbildung. Was reizt sie am Bäckerhandwerk? „Dass man von Anfang bis Ende den ganzen Produktionsablauf sieht. Erst liegen die einzelnen Zutaten vor dir, und dann kommt ein fertig gebackenes Brot dabei raus, warm und duftend. Ein kreativer Prozess, bei dem man sich austoben kann.“ Was ihr mit bescheinigtem Erfolg auch gelungen ist. Beim Innovationswettbewerb der Bäckerfachschule Olpe, die sie für die Meisterprüfung besuchte, belegte Hannah Wieler mit ihrem „Super Loaf“-Brot den 1. Platz und gewann den Backwaren-Designpreis. „Das hat Spaß gemacht“, berichtet sie. „Mich fasziniert, wie man aus vielen Komponenten einen bestimmten Geschmack kreieren kann. Brot und Brötchen sind mein Schwerpunkt, aber auch Torten interessieren mich. Deshalb möchte ich später noch den Konditormeister machen“, hat sie sich vorgenommen.

Doch zunächst geht ihr BWL-Studium vor. Die Vorlesungen legte sie so, dass sie morgens ihren Bäckerei-Geschäften nachgehen kann und erst ab Mittag in der Uni ist. Ein hohes Pensum, aber noch nicht alles. „Ich habe ja auch noch ein Hobby“, wirft sie ein. Das ist ihr Pferd, das sie an fünf Tagen der Woche in einem Stall in Langst-Kierst versorgt, meist am Abend. Unterstützt wird sie dabei durch die Reitbeteiligung einer Freundin.

Irgendwann muss doch auch ein Energiebündel wie sie einmal richtig müde sei, oder? „Kommt vor, dass ich am Wochenende durchschlafe“, sagt sie und lacht. Ändern will sie nichts an ihrem Rhythmus. Ihr Vater sei auch so einer gewesen, der sich nicht so leicht mit etwas begnügt hätte. „Er wollte immer dazu lernen“, sagt Hannah Wieler, „deshalb hat er voriges Jahr auch noch den Brot-Sommelier gemacht.“ Die Leukämie, an der Jochen Wieler im Sommer 2014 erkrankt war, schien da überwunden, dank der Stammzellen-Spende seiner Schwester. Der Bäckermeister galt als geheilt. Sein Sekundentod beim Ausliefern von Ware stürzte die Familie in einen seelischen Abgrund. Aber es musste ja weitergehen im Betrieb. „Ich bin so froh, dass Hannah da ist“, sagt Sylvia Wieler. „Sie hat zwar noch nicht viel Berufserfahrung, ist aber vom Wissen her auf dem neusten Stand.“