Zugunglück in Osterath: „Sowas passiert in Meerbusch nur alle 100 Jahre“

Zugunglück in Osterath: „Sowas passiert in Meerbusch nur alle 100 Jahre“

Feuerwehrmann Lutz Meierherm war beim Meerbuscher Zugunglück am 5. Dezember 2017 als einer der ersten vor Ort. Zurück an der Unfallstelle erinnert er sich an den wohl größten Einsatz seiner Feuerwehr.

Als die Nachricht kommt, will Lutz Meierherm gerade in ein Stück Pizza beißen. Der Mann von der Freiwilligen Feuerwehr in Osterath sitzt am 5. Dezember 2017 mit seiner Familie und einigen Freunden in der Küche, als es plötzlich heißt: „Massenanfall von Verletzten“ – in Osterath. Die Pizza, so erzählt er ein Jahr nach dem Ereignis, wird er erst um halb vier Uhr morgens essen.

Dass sich hinter dem Alarm einer der größten Einsätze auf Meerbuscher Stadtgebiet verbirgt, ist zunächst nicht ganz klar. Als Einsatzort wird Meierherm der Bahnübergang am Osterather Bahnhof gemeldet. Den Fahrer eines Personenzuges, der im Bahnhof steht, fragen die Feuerwehrleute, was los ist. „,Nichts ist los’, hat er gesagt“, erinnert sich der Feuerwehrmann. Erst langsam wird klar, dass es um einen Güterzug geht, der nicht weit vom Bahnhof zum Stehen gekommen ist.

Die Feuerwehrleute können sehen, dass die Oberleitung über dem Güterzug gerissen und heruntergefallen ist. Was sie noch nicht sehen: Die Ursache dafür steht rund 800 Meter weiter, am Ende des Zuges. „Dass eine Oberleitung runterkommt, das passiert nicht von allein“, sagt Meierherm. Also rennen die Feuerwehrmänner los, immer am Zug entlang, auf einem kleinen Trampelpfad. Dann sehen sie es: Zwei Waggons des Güterzugs liegen im Feld, ein Regionalzug ist von hinten in den Güterzug gefahren und hat die schweren Metallwaggons zur Seite geschoben. Ein Stromleitungsmast liegt abgeknickt im Feld. Weil die Oberleitung herunterhängt, herrscht Lebensgefahr. Wenn jetzt einer der Passagiere aussteigt und aus dem Zug klettert, ist er tot.

Nach einer Schrecksekunde handeln die Feuerwehrleute. „Man funktioniert dann einfach“, sagt Meierherm. Die Logistik, die Kollegen zu diesem Zeitpunkt bereits am Osterather Bahnhof aufgebaut haben, bestellen sie zur wirklichen Unfallstelle. Vor Ort nehmen sie zum Fahrer des Regionalzugs Kontakt auf: Er lebt, und er bestätigt, dass auch seine Passagiere leben. Einige allerdings seien schwer verletzt. Doch weil die Oberleitung noch auf dem Zug liegt, können weder die Helfer in den Zug, noch die Verletzten nach draußen.

  • Fotos : Mehrere Verletzte bei Zugunglück in Meerbusch

Es dauert nicht lange, da erreichen Meierherm, der auch einer der Pressesprecher der Meerbuscher Feuerwehr ist, Anrufe aus Kairo, Paris und London. Sein Verdacht: „Die Bundeskanzlerin hatte an dem Tag getwittert, dass sie von dem Unfall weiß und das Geschehen beobachtet.“ Da Angela Merkel über den Account des Regierungssprechers in dem sozialen Netzwerk mehrere Hunderttausend Follower hat, hätten wohl auch anderswo in der Welt Menschen von dem Unglück erfahren.

Am Rande eines Feldes richtet Meierherm mit Kollegen ein Pressezentrum ein. In einem Tennisklub, nicht weit von der Unglücksstelle entfernt, entsteht spontan ein Ort, an den die Menschen aus dem Zug gebracht werden können. Logistik und helfen, die Verletzten aus dem Zug zu tragen – das waren an diesem Abend die Hauptaufgaben der Feuerwehr, sagt Meierherm. Zum Glück stellt sich heraus, dass das Team nicht noch anderweitig gebraucht wird: nichts brennt, niemand wurde eingeklemmt.

Und so entspannt sich nach der ersten Aufregung auch die Lage in und am Zug. Während alle darauf warten, dass Notfallmanager der Bahn die Oberleitung mit Erdungsstangen entschärfen, reden die Feuerwehrleute durch die Scheiben mit den Passagieren. Wie das geht? „Anschreien“, sagt Meierherm und lacht. Dass die Feuerwehr und andere Rettungsteams früh vor Ort waren, könnte nach Einschätzung von Meierherm am Ende zum glimpflichen Ausgang des Abends beigetragen haben: „Die Passagiere haben gesehen: Da ist wer. Das war ein guter psychologischer Effekt. So hat keiner versucht die Türen aufzubrechen und aus dem Zug zu kommen.“

Als dann um halb zwei die letzten Passagiere aus dem Zug transportiert worden sind, sind alle erleichtert. „Sowas passiert in Meerbusch nur alle 100 Jahre. Es ist beruhigend, dass sich gezeigt hat, dass in so einem Fall unsere Vorplanungen funktionieren.“ Nach dem Einsatz gibt es für die Feuerwehrleute noch ein „anständiges Bier“ im Mannschaftsquartier. Und zu Hause, vor dem Schlafen, isst Meierherm noch die Pizza vom Abend auf. Die Ruhe dauert allerdings nicht lange: Um fünf Uhr am Morgen klingelt sein Handy, ein Nachrichtensender will für die Morgensendung auf den aktuellen Stand gebracht werden. Sein Handy auszuschalten, das hat der Feuerwehrmann in all der Aufregung vergessen.

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