Zugunglück in Meerbusch: Ein weiter Weg zurück in den Alltag

Zugunglück in Meerbusch: Ein weiter Weg zurück in den Alltag

Annette Wagner und Julius Körner saßen in dem verunglückten Regionalexpress. Während er glimpflich davon kam, kämpft sie bis heute mit den physischen und psychischen Folgen des Zusammenpralls.

Noch immer bekommt Annette Wagner (Name geändert) ein beklemmendes Gefühl, wenn ein Güterzug an ihr vorbeirauscht. Denn in diesen Momenten wird sie unweigerlich an jenen Unglückstag erinnert, der ihr Leben bis heute veränderte. Ein Jahr mit unzähligen Krankenhausaufenthalten und Operationen liegt hinter ihr. Vollständig genesen ist sie noch nicht. Doch die Osteratherin vermeidet es, zu klagen. Ihr Blickwinkel auf die Zeit nach dem Unfall ist ein anderer. Für sie steht vor allem der große menschliche Zuspruch, den sie erfahren hat, im Vordergrund.

An den Unfallhergang kann sich Annette Wagner noch sehr gut erinnern. Nach einem Ausflug nach Köln war sie auf dem Weg nach Hause. „Ich bin schon mal aufgestanden und zur Tür gegangen, da der Zug bereits kurz vor Osterath war.“ Plötzlich vernahm sie einen lauten Knall und wurde an die Wand neben der Tür geschleudert. „Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mit Schmerzen im Bein und einer Platzwunde am Kopf auf dem Boden saß.“ Erst zwei Stunden nach dem Unfall wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Wenige Tage später wurde sie das erste Mal operiert. Danach musste sie vorerst im Rollstuhl sitzen.

Es sind jedoch nicht nur körperliche Schäden, die von dem Unfall zurückgeblieben sind. In einen Zug ist sie seitdem nicht mehr gestiegen. Lediglich einmal fuhr sie mit ihrem Mann mit der Stadtbahn nach Düsseldorf, jedoch mit einem unwohlen Gefühl. Trotz ihrer schlimmen Erfahrungen will Annette Wagner keine Vorwürfe erheben. „Jeder Mensch macht Fehler.“ Statt über Schuldige zu klagen, denkt sie vor allem an die große Hilfe, die sie bekommen hat. „Ohne mein Umfeld wäre alles viel schlimmer gewesen.“ Angefangen bei ihrem Mann, der sich pausenlos um sie kümmerte, bis hin zu Freunden, die ihr Essen kochten, mit ihr viel Zeit verbrachten und viel Trost und Zuversicht spendeten. „Selbst entfernte Bekannte schickten mir Blumen und zeigten Anteilnahme“, erinnert sie sich, „das hat mich sehr gerührt.“

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Annette Wagner hat bis zur Genesung noch einen weiten Weg vor sich. Noch immer ist sie auf Krücken angewiesen und leidet noch oft unter Schmerzen. Arbeiten kann sie bis heute nicht. Ihre Zuversicht lässt sie sich jedoch nicht nehmen und hofft, dass sie irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren kann. Mittelfristig ist es vor allem ein Ziel, das sie erreichen will: „Ich will wieder mit dem Zug fahren können.“

Wenige Meter von ihr entfernt saß der Meerbuscher Student Julius Körner. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückweg von der Universität Köln nach Hause. Auch er war bereits aufgestanden, um sich in Richtung Tür zu begeben. Zu seinem Glück stand er in dem Moment des Aufpralls noch in den Sitzbereichen. „Ich bin nur gegen die Sitze geprallt, deshalb war es für mich nicht ganz so heftig.“ Verletzungen zog er sich deshalb nicht zu. Besonders präsent ist ihm noch die lange Zeit des Wartens, bis er und die anderen Passagiere endlich den Zug verlassen durften.

Auf emotionaler Ebene konnte  Körner das Unglück relativ schnell abhaken. Das musste er auch, denn bereits wenige Tage nach dem Vorfall musste er schon wieder in Züge derselben Linie steigen, um zu seinen Vorlesungen zu kommen. Während der ersten Tagen jedoch noch mit einem komischen Gefühl im Bauch. „Ich bin dann lieber etwas länger sitzen geblieben, anstatt schon vor der Ankunft zur Tür zu laufen.“ Das mache er manchmal sogar noch heute.  Ansonsten denkt der Student kaum noch an den Unfall, außer jemand spricht ihn auf die Erlebnisse an. Dann ist es vor allem eine Erkenntnis, die er mitnimmt: „Ich habe ziemlich viel Glück gehabt, dass mir nichts Schlimmes passiert ist.“

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