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Meerbusch: Wenn zwei Mädchen Rote Karten zeigen

Meerbusch : Wenn zwei Mädchen Rote Karten zeigen

Vivien Rühl und Annabelle Heinrichsen aus der Fußballabteilung des Osterather Sportvereins haben erfolgreich ihren Schiedsrichter-Lehrgang absolviert – und damit viele überrascht. Nun sind sie auf den Plätzen im Einsatz.

Rund 75 000 Schiedsrichter sind für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Einsatz. Sie kontrollieren die Spieler-Ausrüstung oder die Tore, pfeifen Abseits oder Handspiel. Das Geschehen auf dem Rasen kann komplex sein – der Schiedsrichter aber soll es überblicken, standhaft und neutral die richtigen Entscheidungen treffen.

Die Rolle des Unparteiischen in einem parteiischen Umfeld von Fans, Spielern und Trainern ist keine leichte Aufgabe. Genau darin aber lag der Reiz für Annabelle Heinrichsen (16) und Vivien Rühl (17) aus der Fußballabteilung des Osterather Sportvereins (OSV), als sie sich zu Schiedsrichterinnen ausbilden ließen.

"Als Schiedsrichter braucht man ein starkes Selbstvertrauen", sagt Heinrichsen. Eine Freundin von ihr, die in der Niederrhein-Liga pfeift, hatte sie auf die Idee gebracht. "Außerdem erfuhr ich von einem Nachwuchsproblem. Schiedsrichter, vor allem weibliche, werden dringend gesucht." Sie nahm sich vor, den Lehrgang zu besuchen und stieß zu den B-Juniorinnen des OSV. Nur alleine wollte sie es nicht machen. Sie fragte Vivien Rühl, die sie von der der Karnevalszeit des Evangelischen Jugendzentrums "Katakombe" kennt und von der sie wusste, dass sie seit 2005 beim OSV Fußball spielt. Rühl stimmte sofort zu: "Als Spielerin hatte ich mich bisher nur über den ,Idiot' mit der Pfeife geärgert." Für die Ausbildung muss man mindestens zwölf Jahre alt und Mitglied in einem dem DFB angeschlossenen Verein sein. Im September ging es für Heinrichsen und Rühl mit dem Lehrgang beim Kreis Kempen-Krefeld los.

Innerhalb von drei Wochen gab es vier Schulungstage, mal drei, mal fünf Stunden Theorie. Zum Schluss folgten eine schriftliche Abfrage der Regeln und ein körperlicher Leistungstest. Beide bestanden mit 54 von 60 Punkten. Sie waren stolz, weil viele ihnen das nicht zugetraut hatten. Familie, Freunde und die Kollegen im Lehrgang – 24 an der Zahl, alle männlich – waren skeptisch.

Im Unterricht meldeten sie sich kaum, machten sich aber Unmengen an Notizen. Sie wären kaum aufgefallen, wäre nicht des Öfteren betont wurden, dass hier "zwei Mädchen" anwesend sind oder als ausführlich der "Trikot-Ausschnitt von Schiedsrichterinnen" behandelt worden war. Seit der Prüfung hat Heinrichsen vier Spiele bei den D- und C-Junioren geleitet, Rühl verletzungsbedingt zwei. Heinrichsen erinnert sich: "Mein erster Einsatz war sehr aufregend. Ich habe viel weniger gepfiffen als ich musste." Rühl sagt: "Ich denke aber, man kriegt es nach und nach raus."

Das theoretische Wissen können sie durch Nachschlagen im 122-seitigen Regelwerk oder durch eine Regelfragen-App auffrischen. Irgendwann wollen sie in eine höhere Klasse aufsteigen. Die Eignung hierfür stellen Beobachter fest. Weil es zu wenige gibt, finden einige Spiele auf den unteren Ebenen ohne statt. Um trotzdem die eigenen Leistungen zu kontrollieren, beobachten sich Heinrichsen und Rühl gegenseitig.

Für die Zukunft wäre der Einsatz in der Bundesliga großartig, sich auf diese Karriere festlegen will sich aber keine. Erst wollen sie Abitur machen und dann Medizin studieren. Und nebenher pfeifen. "Ich könnte auch gar nicht aufhören", sagt Heinrichsen. Rühl stimmt ihr zu. Die Wunschliste für Weihnachten deckte sich ebenfalls. Bislang haben sie ein blaues Trikot vom Verein erhalten. Heinrichsen sagt: "Eigentlich bräuchte man mindestens drei verschiedene." Damit der Unparteiische nachher nicht die Farbe einer Mannschaft trägt.

(RP)