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Weihnachten in Meerbusch: Stille Weihnachten 1945 in Lank

Erinnerungen an Weihnachten : Stille Weihnachten 1945 in Lank

Anni Golschinski erinnert sich an das Fest nach dem Krieg. Da war die heute 80-Jährige sechs Jahre alt. Wegen ihrer holländischen Mutter war die Bescherung immer am ersten Weihnachtstag. Morgens um fünf ging’s in die Christmette.

Da war diese Ruhe überall. Unglaubliche Ruhe. Das ist das erste, wo­ran sich Anni Golschinski erinnert, wenn sie an Heiligabend 1945 denkt. Die damals Sechsjährige hatte zwei jüngere Brüder, einer war vier, der andere zwei Jahre alt. Erst später sollten noch zwei Schwestern und ein Bruder folgen. „Weil meine Mutter Holländerin war, hatten wir erst am Morgen des ersten Weihnachtstags unsere Bescherung“, erzählt sie. Heiligabend war die kleine Anni deshalb noch draußen. „Da war in Lank fast kein Mensch unterwegs – alles war ruhig und dunkel. Das habe ich sehr genossen.“

Am ersten Weihnachtstag stand die Familie dann früh auf. Sehr früh. „Die Christmette in St. Stephanus war nämlich um fünf Uhr morgens“, erzählt die 80-Jährige. Und vor dem Kirchgang mussten die Kinder sich ja noch festlich anziehen: „Ich trug mein gutes Kleid mit dem weißen Kragen zum Anknöpfen, in meine langen Haare band mir meine Mutter eine große Schleife, meine Strümpfe wurden am Leibchen festgemacht, darüber noch die warme Wollunterhose, die Füße steckten in Schnürstiefeln.“ So ging es los Richtung Kirche, rund 20 Minuten Fußweg. „Da war es noch ganz finster.“ In der Kirche leuchteten dann zahlreiche Kerzen, hinter dem Altar standen die Bäume, und einen großen Adventskranz gab es auch. „Die Kirche war voll mit Menschen, und ich durfte ganz vorne sitzen“, erinnert sich Anni Golschinski. Direkt im Anschluss dann endlich die Bescherung: „Normalerweise gingen wir durch die Küche in die gute Stube, aber an diesem Morgen betraten wir das Wohnzimmer durch den offiziellen Eingang von der Diele aus“, erzählt sie. Und da stand er, der Tannenbaum: „Eine riesige Rotfichte mit echten weißen Kerzen, silbernem Lametta und Kugeln. Besonders geliebt habe ich die gläsernen, bunten Vögelchen und die große Spitze aus Silber.“ Auf dem Tisch lag die weiße Weihnachtsdecke, und sogar der Ofen war an. Für die drei Kinder gab es bunte Teller mit Schokolade, Äpfeln und Nüssen. „Und sogar Apfelsinen, Bonbons und Lutscher – so etwas hatten wir ja sonst nie“, erzählt Anni Golschinski, für die der süße Teller das schönste Weihnachtsgeschenk war. Außerdem bekam sie jedes Jahr zu Weihnachten neue Buntstifte und Ausmalbücher. In einem Jahr sogar die ersehnte Porzellanpuppe. Auch sie selbst hat den Eltern ein Geschenk gemacht: „Ich habe aus Streichhölzern und Faden eine Puppe gewickelt, die ich in eine Nussschale gelegt habe“, erzählt sie. „Es gab nicht viel. Aber traurig war unser Weihnachtsfest auf keinen Fall – im Gegenteil: Es war sehr schön und festlich“, betont sie, „und wir Kinder durften den ganzen Tag spielen.“

Weil die Mutter nicht so gerne backte, hatte Anni vor Weihnachten die Plätzchen gemeinsam mit der Nachbarin, „die Tanni“, gebacken. „Bei uns war der typische Weihnachtsgeruch deshalb kein Plätzchenduft, sondern Bratengeruch, der durchs Haus zog.“ Denn mittags gab es Rindfleischsuppe, kaltes Rindfleisch und danach Schweinebraten mit Sauce und Kartoffeln.Und zum Nachtisch Vanillepudding. „Wir hatten einen Gemüsegarten und außerdem gute Beziehungen zu den Bauern. Deshalb hatten wir immer genug zu essen“, erzählt die Lankerin. Nachmittags ging die Familie erneut in die Kirche, dort gab es eine Andacht. „Danach haben wir meist einen Spaziergang gemacht, unterwegs waren alle Bäche zugefroren.“ Zum Kaffee saßen dann wieder alle beisammen am festlichen Tisch. „Wir haben schon als Kleinkinder Kaffee getrunken, den guten Lindes-Kaffee aus Uerdingen mit viel Milch drin“, erzählt Anni Golschinski und lacht.

Die Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter freut sich, wenn heute, am Heiligabend, wieder alle in Lank beisammen sind. Ein Sohn aus Berlin ist dann zwar schon wieder abgereist, aber trotzdem feiern die Eheleute Golschinski mit elf Personen: drei Paare und fünf Enkelkinder. Die Kinder bringen das Essen mit, die Familie beschert sich beim Schrott-Wichteln. Vorher, am Nachmittag, gehen alle gemeinsam in die Kirche. „Und am ersten Weihnachtstag“, so die 80-Jährige, „freue ich mich auf ein bisschen Stille, lesen und nichts tun.“