Meerbusch: Was vom "Dritten Reich" übrig blieb

Meerbusch: Was vom "Dritten Reich" übrig blieb

Über den Umgang mit dem unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen HJ-Heim in Büderich herrscht noch heute Uneinigkeit

"Danke für den Auftrag. Heil Hitler!" Architekt Klaus Reese erwies dem in Uniform angetretenen Büdericher Bürgermeister Hans Daniels bei der Eröffnung des Hitlerjugend-Heims am 16. Oktober 1938 auf dem Adolf-Hitler-Platz in Büderich seine Referenz. Hakenkreuzfahnen und Flaggen der Deutschen Arbeitsfront wehten im Wind, Mitglieder der SA, NSKK und die Werk-schar des Böhlerwerks standen an der Tribüne Spalier, Pimpfe rührten die Trommel. In Hufeisenform gruppierten sich die Jugendgruppen der Hitlerjugend um Fahne und Musikzüge. Mitglieder der SS - der Schutzstaffel der NSDAP - kümmerten sich um die Absperrungen.

Die Fertigstellung des HJ-Heims kurz vor Kriegsbeginn war ein Großereignis in Büderich. 50 000 solcher Heime wollte das NS-Regime im ganzen Reich bauen lassen; 1941 waren gerade mal 640 fertiggestellt. Viel mehr wurden es danach auch nicht mehr. Und das ehemalige HJ-Heim am heutigen Dr.-Franz-Schütz-Platz sollte nur der Auftakt des neuen Ortszentrums sein. Geplant waren daneben: eine Turn- und Festhalle und das Haus der NSDAP. Es blieb in Büderich beim HJ-Heim.

Per Gesetz hatte das NS-Regime die Gemeinden verpflichtet, ein Grundstück zur Verfügung zu stellen und für Bau- und Unterhaltungskosten aufzukommen. Der HJ-Kreisleiter teilte einen "geeigneten Architekten" zu. Und der musste sich bei der Planung an die in den "Werkheften für den Heimbau der Hitlerjugend" halten: kasernenmäßig durchlaufende Flure, eine Fahnen- und Feierhalle - paramilitärisch. "Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl", sollte die Hitlerjugend sein, hatte der Führer drei Jahre zuvor gefordert. Da galt schon die Zwangsmitgliedschaft in der HJ.

Bei der Eröffnung fehlte aber noch etwas. Ein großes Wandgemälde, für das der Bürgermeister klare Vorgaben machte: "Immerhin sollte das HJ-Heim in Verbindung mit den anderen öffentlichen geplanten Gebäuden als Denkmale der Tatkraft des neuen Deutschlands, das Strandbad und der Sportplatz als Stätten körperlicher Ertüchtigung und das Böhlerwerk als Symbol der Wiederwehrhaftmachung unseres Vaterlandes dargestellt werden", schrieb er im Auftrag an den Oberkasseler Kunstmaler Fritz Schlüter. Der Putz widersetzte sich aber der Tatkraft des Kunstmalers. Einen Monat nach Eröffnung des Heims wurde der Maluntergrund mit einem Zusatz von Rinderhaaren nachgebessert. Dann hielt die Farbe.

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Sie hält noch heute. Ebenso wie das HJ-Heim noch steht. Nach dem Kriegsende heute vor 70 Jahren wurde es zunächst als Jugendzentrum genutzt, das Wandgemälde mehrfach überpinselt. Mit der Geburtsstunde der Stadt Meerbusch dient es seit 1970 als Verwaltungssitz, beherbergt im Erdgeschoss das Bürgerbüro, hat unterm Dach einen Sitzungssaal.

Vor sieben Jahren tagte dort der Denkmalausschuss und beschloss, das ehemalige HJ-Heim unter Denkmalschutz zu stellen. Dass es heute ein Denkmal ist, kann niemand ahnen, der es nicht weiß: Eine Denkmal-Plakette fehlt. Auch weist keine Gedenktafel auf die Geschichte des Hauses als Hinterlassenschaft des "Dritten Reichs" hin. Soll es zur Mahn- und Gedenkstätte werden? Mit einer Ausstellung von Zeitzeugenberichten? Vor drei Jahren beschloss der Denkmalausschuss auf Antrag der Grünen, im Haushalt fürs HJ-Heim eingeplante Gelder sofort für Zeitzeugenbefragungen freizugeben. Danach verschwand das Thema von der Tagesordnung.

Erst in der jüngsten Sitzung des Denkmalausschusses tauchte das HJ-Heim wieder auf. Die Verwaltung schlug vor, einen kleinen Ausschnitt aus dem Wandgemälde freizulegen, "gewissermaßen eine Spur zu legen", erklärte der zuständige Dezernent Just Gérard. Daneben sollte eine Infotafel die Hintergründe erläutern. Die Politiker vertagten nach längerer Diskussion eine Entscheidung. Zunächst soll das städtische Immobilienkonzept verabschiedet werden. Dann steht fest, wie das Gebäude künftig genutzt wird. Die Verwaltung regt an, dort die offene Ganztagsbetreuung für die Mädchen und Jungen der Mauritius- und Brüder-Grimm-Schule unterzubringen. "Vor dem Hintergrund einer möglichen Nutzungsänderung des Gebäudes könnte sich eine komplette Freilegung des Wandgemäldes als negativ erweisen", glaubt Gérard. Das sieht Rosemarie Vogelsang, die ehrenamtliche Beauftragte für Belange des Denkmalschutzes, anders: "Der Inhalt des Wandbilds verkörpert die geistige Absicht, warum dieses Gebäude überhaupt erschaffen wurde." Die 85-Jährige war dabei, als die Pimpfe der Hitler-Jugend im Heim gedrillt wurden. "Von acht Soldaten des Jahrgangs 1922 hat einer überlebt."

(RP)
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