1. NRW
  2. Städte
  3. Meerbusch

Meerbusch: Vor 70 Jahren endete der Krieg in Meerbusch

Meerbusch : Vor 70 Jahren endete der Krieg in Meerbusch

Am 2. März 1945 nahmen US-Truppen Büderich und die Gemeinden des Amtes Lank ein. Bereits einen Tag zuvor waren die Amerikaner mit Panzern in Osterath eingerückt. Unsere Zeitung widmet dem Kriegsende eine Serie. Zum Auftakt: Der Kampf ums heutige Meerbusch

Das wohl prägendste Geräusch des 20. Jahrhunderts nahmen die Menschen in Osterath am späten Nachmittag des 1. März 1945 nur gedämpft war: Als rund 120 amerikanische Sherman-Panzer von Willich kommend in Osterath einrückten und ihre Ketten über das Kopfsteinpflaster rasselten, hockten die meisten Osterather wegen des seit Tagen andauernden Flieger- und Artillerie-Beschusses in ihren Kellern.

Noch am Vormittag hatten annähernd 50 Jagdbomber - im Volksmund "Jabos" genannt - über dem Bahnhof gekreist. Das Knirschen der Panzerketten am Nachmittag ist vielen Zeitzeugen noch im Ohr. "Das war ein regelrecht unheimliches Geräusch", erinnerte sich Marie-Sophie Aust in einem Beitrag für die "Meerbuscher Geschichtshefte". "Vielleicht rührte es daher, dass die Fahrzeuge teilweise die Ränder der Bürgersteige zerdrückten."

Die Tage vor dem Einmarsch

Als die US-Streitkräfte Osterath erreichten, war es für das heutige Meerbusch der Anfang vom Ende des Krieges. "Operation Granate" nannten die Amerikaner ihren Plan, bis zum Rhein und dann ins Ruhrgebiet vorzustoßen. Am 23. Februar überquerte die 9. US-Armee die Rur bei Jülich. Am Tag zuvor hatte die NSDAP in Osterath noch zur Kleidersammlung aufgerufen und musste feststellen, dass sich unter den abgegebenen Kleidungsstücken auch diverse Wehrmachtsuniformen befanden. Die Moral der deutschen Truppen war deutlich geschwächt. Am 25. Februar löste sich in Osterath auch der Volkssturm auf - eine 1944 gegründete militärische Formation mit dem Ziel, den "Heimatboden" des Deutschen Reiches zu verteidigen.

Rund 80 Einsatzkräfte, lauter ältere Männer, hatten sich in der alten Sauerkrautfabrik auf dem Werksgelände der Drahtseilfabrik Stoessel getroffen, als ein schwerer Luftangriff begann. 26 Bomben fielen aufs benachbarte Firmengelände der Fliesenfabrik Ostara, vier kamen in unmittelbarer Nähe des Tagungslokals herunter - und der Osterather "Volkssturm" stürmte auseinander. Ein weiteres Treffen sollte es nicht mehr geben.

Als die NSDAP am 27. Februar anordnete, mit Spaten, Schippen und Kreuzhacken Panzersperren auf der Adolf-Hitler-Straße (der heutigen Hochstraße) zu errichten, nahm schon niemand mehr diesen Befehl entgegen. Im Gegenteil: Drunten in den Kellern überzeugten einige Osterather Mütter die ebenfalls dort ausharrenden deutschen Soldaten, Waffen aus dem Ort zu entfernen. Kurz bevor die letzten deutschen Truppen aus Osterath abrückten, sprachen ein Offizier und ein Feldwebel bei der Parteileitung vor und beschlagnahmten einen Teil der dort für die Bewaffnung des Volkssturms vorgesehenen Waffen - angeblich für die Sicherung ihres Rückzuges ins Rechtsrheinische.

32 Panzerfäuste blieben übrig im Haus der NSDAP, Kaarster Straße 34. Fritz Rehlinghaus, Besitzer des Hauses, transportierte sie auf eine Karre und deponierte sie vorsichtig hinter einem Rübenwall am heutigen Schwertgesweg. Noch Monate nach Kriegsende fanden sich bei niedrigem Wasserstand am Rheinufer immer wieder deutsche Waffen, derer man sich vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen entledigt hatte.

Doch nicht nur Waffen kamen abhanden: In Büderich verschwanden gut eine Woche vor der Ankunft der GIs aus dem NSDAP-Parteiheim an der Adolf-Hitler-Straße (heute Dorfstraße) 3600 Flaschen Schnaps. Die Feuerwehr Büderich musste den Alkohol zu einer Adresse im Meererbusch transportieren.

Die Amerikaner kommen nach Osterath

Geschäftiges Treiben herrschte am Vormittag des 1. März, einem Donnerstag, auf der Post in Osterath: Es war der Monatserste, die Leute holten ihre Renten ab. "In den Vormittagsstunden waren die deutschen Soldaten noch mit allen verfügbaren Fahrzeugen zurückgeflutet", notierte Rudolf Kremer, der an der Strümper Straße hinter der K-Bahnlinie wohnte, in sein Tagebuch. "Immer ein Auto, was noch Sprit hatte, zog ein oder zwei, manchmal auch drei andere Wagen. Die Infanterie hatte ihr Gepäck auf Karren, ja sogar auf Kinderwagen geladen." Ab dem Mittag kamen nur noch vereinzelt deutsche Soldaten durch Osterath, um sich auf die rechte Rheinseite zurückzuziehen, darunter ein Offizier, der ein von einer Kuh gezogenes Geschütz mit sich führte. Manch einer der Soldaten besorgte sich bei einem der Bauern zivile Kleidung, schlug sich in die Büsche. Schon seit Tagen war aus der Ferne das Grollen der Front zu hören gewesen; unterstützt von Artilleriebeschuss und Tieffliegerangriffen kam die Front am Nachmittag nach Osterath. Wenige Tage zuvor war der Lanker Ortskern bei Bombenangriffen schwer beschädigt worden, gab es 28 Tote zu beklagen. Am Vortag waren in Büderich die sterblichen Überreste des Kaplans Knaup zum Friedhof gebracht worden, der bei einem Tiefflieger-Angriff auf die Vikarie ums Leben kam.

Granaten kündigten die GIs an: Der damals als Gemeinde-Inspektor tätige Johannes Herbrandt sah auf seinem Weg ins Rathaus gegen 14 Uhr den Einschlag einer Granate in den Giebel von "Wolf Knopp" (der heutigen Gaststätte Ketchup). Auch an der Kaarster und Willicher Straße wurden Häuser beschädigt. Auch die Kirche wurde von einer Granate getroffen. Sie explodierte aber nicht, blieb im Gebölk des Turmes stecken. Helmut Müller, damals 15 Jahre alt, beobachtete, wie ein amerikanischer Soldat auf einem Motorrad über die Willicher Straße auf Osterath zusteuerte — und aus einer nahen Flakstellung heraus von deutschen Soldaten erschossen wurde. Als die ersten Panzer gegen 17 Uhr nach Osterath kamen, da hatten die Amerikaner ihren toten Kameraden über ein Geschützrohr gehängt, fuhren damit aufs Dorf zu. In den Kellern suchten sie nach deutschen Soldaten, trieben die Bevölkerung auf dem Kirchplatz zusammen. Dort mussten sich die Osterather auf Waffen und Munition durchsuchen lassen. Radios und Fotoapparate wurden beschlagnahmt. Für die Zeit zwischen 18 und 7 Uhr verhängten die Soldaten eine Ausgangssperre. Im Osterather Rathaus richteten die Amerikaner eine Kommandantur und ein Militärgericht ein und versammelten dort die inzwischen befreiten Zwangsarbeiter.

Als sich in Nierst am Morgen des 2. März herumsprach, dass die amerikanischen Truppen mittlerweile auch Lank eingenommen hatten, verließen neun zur Verteidigung des Örtchens eingeteilte Polizisten Nierst. Die Bewohner hissten daraufhin weiße Fahnen an den Häusern — und auch auf dem Kirchturm. Das bemerkten Einheiten der Waffen-SS auf der rechten Rheinseite — und setzen mit dem Boot nach Nierst über. "Schwerbewaffnet durchkämmen sie die Straßen um die Kirche herum und treiben wahllos Männer, Frauen, Kinder und Greise auf die Straße", schreibt Lehrer Jakob Meyer in die Nierster Schulchronik. "Unter dem Vorwurf des Hochverrats und der Androhung der Todesstrafe müssen sich die verängstigten Nierster auf der Straße in Reihe aufstellen. Alle glaubten, hier werde ein grausames Exempel statuiert."

Doch die SS überlegt es sich anders: Mit dem Dampfschiff werden die Nierster auf die rechte Rheinseite transportiert, dort Männer von Frauen getrennt. Während die Frauen wenig später wieder freigelassen werden, werden die Männer — in sicherer Erwartung der Todesstrafe — verhört. "Nur die Auflösung, in der sich der ganze Partei- und Wehrmachtsapparat beim Herannahen der Amerikaner befindet, lässt die Nierster diesem Schicksal entgehen", schreibt Christiane Brand in ihrem Beitrag für die "Meerbuscher Geschichtshefte". Einige der Verhafteten werden jedoch noch in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm versetzt. Manche von ihnen können fliehen, sie halten sich bis zum Kriegsende versteckt. Andere geraten als Mitglieder des Volkssturms in amerikanische und französische Gefangenschaft. Sie kehren später nach Nierst zurück. Nur ein Mann bleibt verschollen: Karl Fürth. Brand: "Man kann nur annehmen, dass er bei dem Versuch, zu fliehen und nach Nierst zu gelangen, den Tod fand."

Lesen Sie auch "Scheiben von Schloss Pesch für die Kapelle".

Serie Morgen setzen wir unsere Serie zum Kriegsende in Meerbusch fort

(RP)