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Meerbusch: Verboten schönes Ortseingangsschild

Meerbusch : Verboten schönes Ortseingangsschild

Am Stadtrand von Büderich steht ein deutschlandweit einmaliges Verkehrsschild: Es verwendet nicht die übliche Schrift für Ortseingangstafeln, sondern Typografie aus der Zeit des Bauhauses. Jetzt muss es abgebaut werden

Es ist zu schön, um erlaubt zu sein: Das Ortseingangsschild von Düsseldorf nach Meerbusch-Büderich an der Neusser Straße wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein ganz gewöhnliches Verkehrszeichen, auf den zweiten Blick aber sieht es irgendwie anders aus. Filigraner. Eleganter. Schöner. Das liegt an der Schriftart. Auf der Ortseingangstafel wurde Typografie aus der Zeit des Bauhauses verwendet. Genauer: die Schriftart Futura, 1927 gezeichnet von Paul Renner.

Damit ist das Schild zwar schön, aber verboten schön. Als Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, hatte er eine Plakette dabei. "Hier setzten Menschen vom Planeten Erde erstmals ihren Fuß auf den Mond. Juli 1969 AD. Wir kamen in Frieden für die ganze Menschheit." Gesetzt wurde der Text in der Futura. Was auf dem Mond erlaubt ist, ist es in Meerbusch noch lange nicht. Denn Deutschland wäre nicht Deutschland, wäre nicht die Schrift für Verkehrszeichen klar geregelt. Und sogar genormt. Nach Deutscher Industrie-Norm. "Die Verwendung der Schrift nach DIN 1451 wird zwar nicht direkt in der Straßenverkehrsordnung vorgeschrieben, aber in der dazugehörigen Verwaltungsvorschrift", sagt Albert-Jan Pool. Der Typograf ist Obmann des DIN-Arbeitsausschusses "Schriften". Und tatsächlich findet sich in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung, unter den Paragrafen 39 bis 43 "Allgemeines über Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen", Unterpunkt 19, Absatz 5 die klare Anweisung: "Als Schrift ist die Schrift für den Straßenverkehr gemäß DIN 1451, Teil 2 zu verwenden." Pool erklärt, dass die Norm die Möglichkeit einräume, auch andere Schriften der Gruppe "Serifenlose Linear-Antiqua" einzusetzen wie zum Beispiel die Akzidenz Grotesk.

Grotesk? Wer jetzt nur noch Bahnhof versteht, liegt ziemlich richtig: Denn die Deutsche Bundesbahn setzte zur Beschriftung ihrer Bahnhöfe jahrzehntelang auf die Bauhaus-Schriftart Futura. Erst nach der Privatisierung wurde die Schriftart Zug um Zug ersetzt. Aber: Was für Bahnreisende gut war, ist es für Autofahrer noch lange nicht. Pool: "Die Futura hat niemals zu den in der DIN 1451 empfohlenen Schriften gehört. Die Beschriftung des Meerbuscher Ortseingangsschildes ist somit fehlerhaft." Er spricht von einem "rätselhaften Fall" — denn eigentlich gibt es nur wenige Hersteller von Ortseingangsschildern, und die würden die Normen aus dem Effeff kennen.

Wer trägt also die Schuld am Schild? Hat Meerbusch, diese Kommune der Millionäre, sich absichtlich über die Norm erhoben? Stadtsprecher Michael Gorgs widerspricht: "Wir sind zwar Straßenbaulastträger, aber da die Neusser Straße eine Landesstraße ist, war für das Aufstellen des Schildes der Landesbetrieb Straßenbau zuständig."

Das bestätigt Christine Binz aus der Abteilung "Bau-Vergabe" von Straßen.NRW: "Nach Rücksprache mit der zuständigen Straßenmeisterei Meerbusch, die die Beschilderung aufgestellt hat, wurde mir durch den Mastermeistereileiter Thomas Otten bestätigt, dass die seinerzeit ,abgängigen' Schilder durch diese neuen ersetzt wurden." Diese zu ersetzenden Ortseingangstafeln seien durch die zu Straßen.NRW gehörende Meisterei Meerbusch selbst erstellt worden. "Dabei ist dann versehentlich die falsche Schrift verwendet worden", erklärt die Sprecherin. Der Landesbetrieb Straßenbau kündigte gestern an, das fehlerhafte Schild spätestens bis Jahresende zu ersetzen.

(RP/url)