1. NRW
  2. Städte
  3. Meerbusch

Ulrike Boldt aus Meerbusch vermittelt Schauspieler der Generation 60+

Meerbuscher Unternehmerin : Die Agentin, die auch 60+ vermittelt

Die Meerbuscherin Ulrike Boldt vermittelt Schauspieler über 60. Der Bedarf an reiferen Darstellern sei riesig, nicht zuletzt dank der Streamingdienste. Ein großes Problem seien jedoch die oftmals niedrigen Gagen der Branche.

Diese blau-grauen Augen gehören seit Jahrzehnten zur deutschen Fernsehlandschaft: Kathrin Ackermann war unter anderem in den späten 1980er-Jahren in 52 Folgen der beliebten Vorabendserie „Die glückliche Familie“ zu sehen. Damals stand sie gemeinsam mit ihrer inzwischen sehr populären Tochter Maria Furtwängler vor der Kamera, was sich Jahre später im Niedersachsen- „Tatort“ wiederholen sollte: Hier spielt sie sogar auch die Mutter von Furtwänglers Serienrolle Charlotte Lindholm. Im vergangenen Jahr wurde Kathrin Ackermann 80 Jahre alt und wird, ebenfalls seit 2018, von der Meerbuscher Agentur 60plus vertreten.

Wer sich auf der Internetseite die Fotos der rund 70 Frauen und Männer aus der Kartei anschaut, stellt fest, dass deren Gesichter deutlich bekannter sind als die Namen. Michael Kausch zum Beispiel, 1949 in Mettmann geboren, glänzte neben Manfred Krug in „Liebling Kreuzberg“. Karin Rasenack, Jahrgang 1945, war die sympathische Sekretärin von Uschi Glas in „Zwei Münchner in Hamburg“.

 Kathrin Ackermann spielte in „Die glückliche Familie“.
Kathrin Ackermann spielte in „Die glückliche Familie“. Foto: Dorothea Lüderitz

Im vergangenen Herbst hatte die Agentur die traurige Aufgabe, den Tod von Karin Eckhold gegenüber Medien-Nachfragen zu bestätigen. Die Schauspielerin, am selben Tag wie ihr Mann gestorben, hatte in ihrer Rolle als „Meislein“ das Vorzimmer von Schwarzwaldklinik-Chefarzt Professor Brinkmann fest im Griff gehabt. Auch so eine „Nebenrolle“, die unvergessen bleibt.

Man sei „keine Promi-Agentur“, betont Gründerin Ulrike Boldt. Doch ihr Konzept funktioniert auch so – oder gerade deswegen. Vor 13 Jahren entdeckt sie eine Marktlücke und besetzte daraufhin diese Nische erfolgreich. Denn die Nachfrage ist durchaus vorhanden, ob für Sprechrollen, Theaterbühnen oder Werbespots. Boldt, die selbst als Theater- und Filmschauspielerin tätig war, hatte sich stets gewundert, warum es zwar Schauspiel-Agenturen für Kinder, aber nicht für reife Mimen gab. Also setzte sie sich hin und schrieb einige hundert von ihnen an. Mehrere Dutzend antworteten und wollten ab sofort von der Frau aus Lank-Latum, Jahrgang 1972, vertreten werden: 60plus war geboren.

Ihr ältester Mandant ist 92 Jahre alt und dreht noch immer fleißig: Dieter Schaad spielte in den vergangenen Jahren unter anderem im „Club der roten Bänder“ und hatte eine Folgen-Hauptrolle in einem Bremer „Tatort“ mit Sabine Postel.

 Dieter Schaad spielte unter anderem im Tatort.
Dieter Schaad spielte unter anderem im Tatort. Foto: Frank Zauritz

Ebenfalls über 90 ist Eckart Dux. Er hat sich zwar von Bildschirm und Bühne zurückgezogen, ist aber nach wie vor am Mikro aktiv und gilt als Dienstältester in der Sprechbranche. Wem der Name nichts sagen sollte: Im Hitchcock-Klassiker „Psycho“ spricht er den Serienmörder Norman Bates (Anthony Perkins), in der Sitcom „King of Queens“ den alten Nörgler Arthur.

Seit Kurzem nehmen Ulrike Boldt und ihre langjährige Mitarbeiterin Lisa Anhaus (33) verstärkt auch die ganz jungen Schauspieler in den Blick. Sie haben im vergangenen September die Agentur „Anhaus & Boldt“ gegründet, in der Frauen und Männer gleich nach ihrer Ausbildung betreut werden. Bei einem Vorsprechen der Abschlussklassen im Rheinischen Landestheater in Neuss haben die beiden Frauen die ersten Kontakte geknüpft. Sechs Talente Mitte 20 lassen sich inzwischen von ihnen vertreten, darunter Leo Meier, der von der Folkwang-Hochschule kommt.

„Unser Ziel ist es, unser lang aufgebautes Netzwerk für diese jungen Darsteller zu nutzen“, sagt Lisa Anhaus. Übrigens kann ihre Agentur auch mit den Jahrgängen „dazwischen“ dienen, also mit Bühnen- und Kameraprofis zwischen 35 und 55 Jahren. Ein Beispiel dafür ist Marius Borghoff, der derzeit für die gefeierte Serie „Babylon Berlin“ vor der Kamera steht.

 Karin Rasenack war in „Zwei Münchner in Hamburg“ zu sehen.
Karin Rasenack war in „Zwei Münchner in Hamburg“ zu sehen. Foto: Thomas Leidig

Bei allem „Glamour-Faktor“: Die Herausforderungen der Branche sind nicht zu unterschätzen. „Die Gagen sind seit der Finanzkrise, die auch die Filmbranche betroffen hat, zurückgegangen“, sagt Ulrike Boldt. „Jetzt geht es der Branche wieder besser, die Gagen für die Schauspieler spiegeln das jedoch nicht unbedingt wider.“ Es gebe die Schauspieler und Schauspielerinnen, die sehr gut verdienten, deren Namen man kenne. „Und dann gibt es noch viele, viele Schauspieler, die ihr ganzes Können den Neben- und Tagesrollen schenken.“ Deren Bezahlung sei teilweise prekär.

Streaming-Dienste veränderten gerade „unwahrscheinlich den Markt“, ergänzt Kollegin Lisa Anhaus. Für Schauspieler gebe es wieder viel mehr interessante Rollen in unterschiedlichen Genres: „nicht nur Krimi oder Romantik, sondern auch düstere Mystery-Serien, Thriller, Horror, Action“. Daher blickt das Lanker Duo mit Zuversicht in die Zukunft der deutschen Film- und Fernsehlandschaft.