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Meerbusch: Torwart-Riese hat großes Herz

Meerbusch : Torwart-Riese hat großes Herz

Wenn Kento Sato mit Kenny und Lilli, den beiden Jack Russell Terriern der Familie Davids, spielt, leuchten seine Augen. Er tobt mit den kleinen Hunden, lacht dabei und wirkt wie ein gewöhnlicher, glücklicher Jugendlicher.

Dabei hat der japanische Junge in den vergangenen Monaten sehr viel Leid erfahren. Der 14-Jährige kommt aus der Nähe von Fukushima, wo sich vor knapp fünf Monaten die schwere Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe inklusive des Reaktorunglücks ereignet hat.

Gemeinsam mit 19 weiteren Jungen und Mädchen im Alter von zwölf bis 15 Jahren ist Kento momentan eine Woche lang zu Gast im Rhein-Kreis Neuss.

"Sie sollen hier ein paar Tage lang abschalten und eine unbeschwerte Zeit mit vielen Sport- und anderen Freizeit-Aktivitäten erleben", erklärt Georg Davids, der Kento gemeinsam mit seiner Frau Doris und ihren beiden Kindern Julia (27) und Pascal (20) bei sich zuhause in Lank-Latum aufgenommen hat — als einzige Familie im gesamten Stadtgebiet Meerbusch.

Georg Davids ist ein echtes Lanker Urgestein. Mehr als 30 Jahre lang stand er früher im Kasten des ASV Lank. "Die Verrückten mussten auf Linksaußen und die Dicksten ins Tor", sagt der 57-Jährige grinsend. Nachdem seine Tochter Julia bei Treudeutsch 07 Lank mit dem Handball spielen begann, zog es ihren Vater von da an mehr in die Sporthallen statt auf die Fußballplätze.

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Seit mehr als zehn Jahren ist er nun auch im Handball-Vorstand des Vereins aktiv, aktuell als Frauen-Spielwart. In dieser Funktion erhielt er vor wenigen Wochen auch das Schreiben des Kreissportbund Neuss, der nach Gastfamilien für die japanischen Jugendlichen suchte. Zunächst landete das Papier wenig beachtet in der Ablage, doch Frau Doris kramte es noch einmal hervor, und so beschlossen die Davids Kento eine Woche lang bei sich einzuquartieren.

Beim ersten Anblick des Gästezimmers klatschte der 14-Jährige begeistert, ein Zeichen, dass er sich bei der Lanker Familie wohl fühlt. Die Kommunikation ist nicht ganz einfach, denn die Davids sind selbstverständlich des Japanischen nicht mächtig, und Kento spricht auch nur wenige Brocken Englisch. "Mit Händen und Füßen klappt das aber irgendwie — und immerhin können wir jetzt schon auf Japanisch bis zehn zählen", berichtet Davids. Auch von der Kultur aus dem Land der aufgehenden Sonne bekommen die Lanker einiges mit. "Japaner sind unglaublich bescheiden und diszipliniert. An einem Abend hat Kento am späten Abend auf eigene Initiative noch seine Schulhefte ausgepackt und gelernt, das war schon sehr erstaunlich", so Davids.

Auf das Drama in seiner Heimat hat die Familie ihren Gast aus Japan ganz bewusst nicht angesprochen. "Die Kinder sind ja schließlich hier, um das Ganze mal eine Woche zu vergessen. Wir möchten, dass sie viele positive Erinnerungen mitnehmen und somit gestärkt in ihre Heimat zurückkehren", sagen Doris und Georg Davids. "Und wer weiß, vielleicht entsteht ja auch eine längere Freundschaft daraus — das wäre sehr schön."

(RP/rl)