Meerbusch: Stromkonverter empört Osterath

Meerbusch: Stromkonverter empört Osterath

Wie die Einwohner des Meerbuscher Stadtteils gegen ein 350-Millionen-Euro-Projekt der Energiewende Sturm laufen.

Als an der Küste der japanischen Insel Honshu ein Erdbeben vor fast genau zwei Jahren zu Kernschmelzen in drei Blöcken des Atomkraftwerks Fukushima führte, saß Karsten Weigmann gerade in seinem Büro in Düsseldorf. "Ein Kollege kam herein und erzählte mir von der Katastrophe. Als ich im Fernsehen die Bilder sah, war mir sofort klar, dass dieser GAU in Deutschland zum Ausstieg aus der Atomkraft führen wird." Nicht klar war Weigmann, was die Energiewende für ihn bedeutete. Er engagiert sich seit einigen Monaten in einer Initiative gegen ein 350 Millionen Euro teures Großprojekt. "Diese Industrie-Anlage soll den Menschen in Meerbusch-Osterath gegen landläufiges Planungsrecht an den Gartenzaun gesetzt werden", erklärt er.

Stromautobahnen sollen künftig ökologisch erzeugten Strom von Nord- nach Süddeutschland bringen. Die westlichste Trasse soll als erstes fertiggestellt werden, bereits in vier Jahren soll der wichtigste Teil stehen — damit in Baden-Württemberg nicht die Lichter ausgehen, wenn das Atomkraftwerk Philippsburg abgeschaltet wird. "Die Leitung ist kein kommerzielles Projekt, hier geht es um die Versorgungssicherheit — nicht nur Baden-Württembergs, sondern auch von NRW", sagt Marian Rappl vom Netzbetreiber Amprion. "Wir brauchen eine Art Steckdose fürs Ruhrgebiet, aus der künftig der Ökostrom kommt." Nächste Woche soll der Bundestag das Gesetz beraten.

Anders als das Stromnetz in Deutschland verwenden die Stromautobahnen Gleichstrom. Das hat den Vorteil, dass Strom über sehr weite Strecken fast verlustfrei transportiert werden kann. Nachteil: Der Strom muss umgewandelt werden, um ins Stromnetz fließen zu können. Weigmann staunte nicht schlecht, wo Amprion die größte Konverteranlage der EU plant: "Auf einem Acker in Osterath ganz in der Nähe der Wohnbebauung — ohne jede Abstandsfläche", sagt Weigmann. Osterath hat es ohnehin nicht leicht: Mitten durch den Ort führt eine Eisenbahntrasse, die Schranke ist den halben Tag unten. Die A 57 führt vorbei, es gibt bereits ein Umspannwerk, das in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist. "Die Belastungsgrenze der Einwohner ist erreicht", so Weigmann.

Obwohl die Energiewende transparent ablaufen soll, tauchte eine Beschreibung der großindustriellen Anlage mit mehreren bis zu 20 Meter hohen Hallen und einer Grundfläche von 100 000 Quadratmetern im sogenannten Netzentwicklungsplan nicht auf. Der Meerbuscher Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling (CDU) wurde in Berlin von Amprion über den Netzausbau informiert. "Über einen Konverter wurde da kein Wort gesagt." Anfang Oktober lud Weigmann mit anderen zu einer Info-Veranstaltung in den "Osterather Hof" ein. Mehr als 300 Bürger kamen. An dem Abend gründete sich die "Initiative gegen den Doppel-Konverter Osterath". Rund 800 Osterather zwängten sich wenige Wochen später in der Realschule des Ortes zusammen, als die Initiative Vertreter der Bundesnetzagentur eingeladen hatte. Fast 1000 schrieben an den Petitionsausschuss des Bundestages. Rund 2000 bildeten vergangenen Samstag eine Menschenkette. 2300 der gut 3000 Einwendungen gegen den Netzausbau betrafen den geplanten Großkonverter in Meerbusch. Der Meerbuscher CDU-Landtagsabgeordnete Lutz Lienenkämper sagte ähnliche Widerstände wie bei Stuttgart 21 voraus.

Der Stadtrat lehnte den Konverter einhellig ab. Die Anlage werde gebraucht, um Braunkohlestrom auf die Stromautobahn zu bringen — mit Energiewende habe das nichts zu tun. Tatsächlich soll die Verbindung zu den Windparks an der Küste erst fertig werden, wenn das AKW Philippsburg schon lange vom Netz ist. Amprion sagt: "Wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint, transportiert die Leitung natürlich auch Strom aus konventionellen Kraftwerken." Weigmann entgegnet: "Deshalb hat RWE auch noch Millionen in Braunkohlekraftwerke gesteckt." Wenn der Bundestag den "Netzverknüpfungspunkt Osterath" beschließt, muss Amprion in einem Zehn-Kilometer-Umkreis alternative Standorte prüfen — oder auch darüber hinaus. Das Umweltbundesamt schlug einen Umkreis von 50 Kilometern vor. "Die Bundesnetzagentur plant derzeit keine Konkretisierung des Suchradius, da dieser stets von den Rahmenbedingungen eines bestimmten Vorhabens abhängt", erklärt eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde. Amprion fordert, dass der Gesetzgeber den Radius konkretisiert. Und Weigmann sagt: "Es ist offensichtlich ein Pokerspiel, dem die Osterather nicht zum Opfer fallen dürfen."

(RP)
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