Serie „Schätze aus dem Stadtarchiv“ Als Konrad Adenauer Böhler besuchte

Böhlers Geschichte wäre vor Ort kaum zu recherchieren, gäbe es nicht das Stadtarchiv. Darin findet sich etwas, das selbst heute aktueller nicht sein könnte.

 Dr. Franz Schütz (rechts) führt stolz Bundeskanzler Konrad Adenauer (Mitte) und Ministerpräsident Karl Arnold (ganz links) durch das Büdericher Edelstahlwerk.

Dr. Franz Schütz (rechts) führt stolz Bundeskanzler Konrad Adenauer (Mitte) und Ministerpräsident Karl Arnold (ganz links) durch das Büdericher Edelstahlwerk.

Foto: Mike Kunze

Böhler – dieser Name ist Meerbuscher Geschichte. Rüstungsschmiede im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Stahlgigant im Wirtschaftswunder, heimatverbunden mit sozialem Anspruch, und lange begehrter und größter Arbeitgeber weit über Büderichs Grenzen hinaus. Zuletzt ein langsames Ende mit Nachwehen bis heute. Dabei gäbe es heute für die Meerbuscher Geschichte praktisch nichts, das über die offizielle, werbewirksame Firmengeschichte hinausgeht, wenn sich nicht ein kleiner Schatz von knapp drei Regalmetern Archivgut im Stadtarchiv angesammelt hätte – denn der Großkonzern Böhler-Uddeholm wacht eifersüchtig über seiner Geschichte, wie der sprichwörtliche Zwerg auf dem Drachenhort des Nibelungenliedes.

Zu den älteren Artefakten gehört eine Schallplatte mit einer frühen Führerrede, welche der Belegschaft – damals Gefolgschaft genannt – am Arbeitsplatz vorgespielt wurde. So konnte sich nicht nur bei Böhler im Dritten Reich kaum ein Arbeiter eines großen Werks der offiziellen Propaganda entziehen.

 Die Böhlersiedlung im Jahr 1954: Ein Paradebeispiel für das soziale Engagement eines Arbeitgebers.

Die Böhlersiedlung im Jahr 1954: Ein Paradebeispiel für das soziale Engagement eines Arbeitgebers.

Foto: Mike Kunze

Einen anderen Einblick in diese Zeit gestatten auch Prüfprotokolle einzelner technischer Einrichtungen, die irgendwann schon einmal aus dem Altpapier gerettet wurden. Nun erlauben sie zum Beispiel Aussagen darüber, wie es um Produktionsmittel und die Arbeitssicherheit bestellt gewesen ist.

Aus dem Nachlass von Werksdirektor Dr. Franz Schütz (ab 1920 bei Böhler), der nach dem Krieg Bürgermeister von Büderich sowie Landtagsabgeordneter war und bislang einziger Ehrenbürger Meerbuschs ist, gelangten einige Gegenstände, Dokumente und vor allem viele Fotos ins Stadtarchiv. Sie belegen die gewaltige Kraft und Größe der Stahlproduktion im Wirtschaftswunderland, aber auch die Entstehung der Böhlersiedlung als bundesweites Vorzeigeprojekt sozialer Verantwortung des Arbeitgebers für den Standort und die Belegschaft.

 Franz Schütz arbeitete sich zum Werksleiter hoch, war Bürgermeister von Büderich und ist der einzige Meerbuscher Ehrenbürger.

Franz Schütz arbeitete sich zum Werksleiter hoch, war Bürgermeister von Büderich und ist der einzige Meerbuscher Ehrenbürger.

Foto: Mike Kunze

Selbst Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ministerpräsident Karl Arnold gaben sich am 13. Mai 1954 die Ehre und ließen sich von Franz Schütz und seinem Sohn und Siedlungsgeschäftsführer Franz Hellmich durch Werk und Siedlung führen. Die Rede Adenauers um 16.45 Uhr ist im Wortlaut vorhanden. Im beschaulichen Büderich legte Adenauer damals ein Bekenntnis zu Europa ab, das heute aktueller nicht hätte sein können: „In der heutigen Zeit sind alle europäischen Länder so eng miteinander verbunden, dass das Geschick des einen Landes das Geschick des anderen Landes, sei es zum Guten, sei es zum Schlechten, beeinflusst. Europa muss werden, es muss werden, wenn das deutsche Volk am Leben bleiben soll.“ Hier vermerkte der Stenograph Beifall. Allein dieses Ereignis des Jahres 1954 ist in hunderten Fotos praktisch auf Schritt und Tritt dokumentiert. Der ebenfalls im Stadtarchiv befindliche Nachlass von Siedlungs-Geschäftsführer Franz Hellmich liefert zusätzliche Informationen über die Entstehungsgeschichte der Böhlersiedlung aus erster Hand.

 Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach am 13. Mai 1954 um 16.45 Uhr zu den Menschen im Böhlerwerk.

Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach am 13. Mai 1954 um 16.45 Uhr zu den Menschen im Böhlerwerk.

Foto: Mike Kunze

Einige Aktenordner – ebenfalls aus privater Hand – spiegeln das lange Ringen des Betriebsrates mit der Geschäftsführung über die soziale Absicherung der Mitarbeiter im Rahmen der Werksschließung wider. Über Jahre erstreckte sich der zähe Vorgang seit Beginn der 1980er Jahre, bis Böhler schließlich 1993 endgültig seine Pforten schloss. Auch um die soziale Ausrichtung der Werkssiedlung wurde damals mit Erfolg gerungen. Von den Werksakten fand keine einzige den Weg ins Stadtarchiv – was das große Aufräumen überlebte, befindet sich heute in Österreich, von wo heute die Geschicke des Industrieareals gelenkt werden.

 Rund 20 Tonnen wogen die Öfen in der Edelstahl-Gießerei, an denen die Arbeiter ihre schweißtreibene Arbeit verrichteten.

Rund 20 Tonnen wogen die Öfen in der Edelstahl-Gießerei, an denen die Arbeiter ihre schweißtreibene Arbeit verrichteten.

Foto: Mike Kunze

Die besondere Bedeutung erhält dieser Bestand aber nicht nur durch die Abschirmungspolitik von Böhler-Uddeholm, sondern vor allem durch die exakte Beschriftung des umfangreichen Bildmaterials, das somit eindeutig eingeordnet werden kann. Es umfasst die gesamte Werksgeschichte. Außerdem hervorgehoben werden muss die akribische, auch mit vielen handschriftlichen Ergänzungen und Erläuterungen versehene Aktenlage der Betriebsratsunterlagen, die einen unmittelbaren Einblick in die damaligen Vorgänge erlauben. Sie verdienen – natürlich mit dem nötigen Abstand – das besondere Augenmerk der Historiker.

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