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Meerbusch: So erging es Meerbusch im Ersten Weltkrieg

Meerbusch : So erging es Meerbusch im Ersten Weltkrieg

In einer Ausstellung in der Teloy-Mühle in Lank hat Stadtarchivar Michael Regenbrecht die Zeit vor 100 Jahren zusammengestellt und ausgewertet. Neben Bedrückendem und Wissenswertem finden sich auch Überraschungen

Sie wird heute von zahleichen Menschen regelmäßig benutzt, die besonders im Winter schön gebräunt sein wollen: die Sonnenbank. Woher diese Erfindung stammt, ist vermutlich nicht jedem bekannt. Während des Ersten Weltkriegs stellte man in Lazaretten fest, dass UV-Licht eine große Auswirkung auf die Genesung hatte. Die Bräune war ein positiver Nebeneffekt. Auch die ersten Reißverschlüsse, Bluttransfusionen, Sommerzeit, Armbanduhren, der Funkverkehr und das vegetarische Würstchen von Konrad Adenauer stammen alle aus Zeiten des Ersten Weltkriegs. Diese Erkenntnis ist jedoch nur eine kleine am Rande der Ausstellung "Der Erste Weltkrieg im Meerbuscher Raum" in der Lanker Teloy-Mühle. Dennoch ist sie charakteristisch für die Ausstellung. Liebevoll zusammengestellte Details mit vielen wissenswerten Informationen sind beim Rundgang zu finden, den Stadtarchivar Michael Regenbrecht zusammengestellt hat. Anderthalb Jahre forschte, bilanzierte und listete er die Ergebnisse mit Hilfe von Mitarbeiter Christoph Erhardt auf.

Der Büdericher Franz Knops ist Militariasammler und stellte dem Stadtarchivar diese Militärausrüstung zur Verfügung. Foto: Dackweiler, Ulli (ud)

"Bisher gab es nur wenige Informationen über die Zeit vor rund 100 Jahren während des Ersten Weltkriegs im heutigen Meerbuscher Raum", sagt Regenbrecht. "Deshalb haben wir einen Aufruf an die Meerbuscher Bürger gestartet. Mehr als 70 von ihnen haben uns zahlreiche Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. Das war überwältigend." Alles konnte Regenbrecht jetzt nicht ausstellen, dennoch hat er zahlreiche Fotos, Postkarten, Briefe, Porzellan und Militärutensilien ausgewählt und nach Themen zusammengestellt. "Wir haben 32 Kategorien. Eigentlich hätte man für jede einzelne eine eigene Ausstellung kreieren können", sagt der Stadtarchivar, der alle Erinnerungsstücke digitalisieren wird.

Eine "Liebesgabe": ein selbstgebastelter Weihnachtsbaum aus der Heimat. Foto: Dackweiler, Ulli (ud)

Aufgebaut ist die Ausstellung in zwei große Bereiche: Die Exponate an der äußeren Ringmauer zeigen vor allem die allgemeine Situation während des Ersten Weltkriegs, die innere Mauer des Rundgangs bezieht sich ausschließlich auf die Situation in heutigen Meerbuscher Raum - sprich Büderich, Osterath und das alte Amt Lank, zu dem Gellep-Stratum gehörte.

Stadtarchivar Michael Regenbrecht hat sich über die zahlreichen Leihgaben vieler Meerbuscher Bürger gefreut. Hier: Eine Original-Gasmaske aus dem Ersten Weltkrieg, ein selbst gebauter Querschnitt eines Schützengrabens und ein schussunfähiger Nachbau einer MG 08/15. Foto: rp-fotos (4) Ulli Dackweiler

Eine der wichtigsten Entdeckungen machte Regenbrecht bei der Sichtung der Zahlen der toten und vermissten Soldaten im Meerbuscher Raum. Sie ist viel höher als bisher angenommen. Anstatt von 380 sind es 501." Dies konnte der Stadtarchivar anhand der Sterberegister, Totenzettel, Briefe und Verlustlisten (30 000 Seiten) nachvollziehen. Um die Zahl jedoch endgültig zu bestätigen, "müssten wir noch die Kartei des internationalen Roten Kreuzes durchschauen", sagt Regenbrecht. Es hat sowohl Statistiken über die Vermissten als auch die Kriegsgefangenen geführt." Als Erinnerung an die Toten ziehen sich Gedenktafeln mit persönlichen Informationen zu jedem Einzelnen durch die gesamte Ausstellung. Viele Informationen zur Zeit von 1914 bis Anfang der 20er Jahre erhielt der Stadtarchivar durch die Aufzeichnungen der Schulen. "Die mussten neben einer Schulchronik auch eine Kriegschronik erstellen", sagt er.

Regenbrecht ist zufrieden mit dem Ergebnis seiner anderthalbjährigen Arbeit. "Ich habe zwar manchmal befürchtet, dass wir nicht fertig werden, doch wir haben es geschafft." Auch habe er durch die Forschung und Sichtung selbst vieles Neues gelernt. "Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gewinnen", sagt er.

Der Rundgang durch die Ausstellung startet mit einer Bilanz des Krieges, den Auswirkungen und den Kosten. Im Deutschen Reich betrugen die Ausgaben bis 1916 rund 60 bis 70 Millionen Reichsmark (RM) pro Tag. Die Verschuldungen durch den Krieg erhöhten sich von 4,9 Milliarden RM (1914) in den darauffolgenden sechs Jahren auf 93 Milliarden RM pro Jahr.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung ist neben Propaganda-Faltblättern auch altes Porzellan zu finden, auf dem deutsche Kinder abgebildet sind, die ausländische Kinder verprügeln. Auch Teller mit Hindenburg-Konterfei sind vorhanden. Teile der Porzellansammlung gehören dem Büdericher Franz Knops. Der Militariasammler hat zudem eine original Soldatenuniform, Orden, weitere Devotionalien sowie Materialien zum Grabenkrieg, Waffen, Helme, Grabenkunst (aus alten Geschosshülsen) und einen Weihnachtsbaum zur Verfügung gestellt. Letzterer ist aus der Heimat an die Front geschickt worden. Der kleine Plastik-Tannenbaum ist geschmückt mit Zapfen, Metallkugeln und kleinen Kerzen.

Knops ist einer von zwei großen Spendern für die städtische Ausstellung. Zudem stellte Egon Thiel eine Vielzahl der Exponate zur Verfügung. Der Büdericher ist Sammler zur Geschichte der Polizei und selbst Polizist auf der Wache in Meerbusch. Von ihm stammt etwa ein schussunfähiger Nachbau eines Maschinengewehrs MG 08/15 sowie einer Original-Gasmaske von 1917. Darüber hinaus hat Thiel ein Modell eines Schützengrabenausschnittes mit Soldatenpuppen gebaut.

In einem weiteren Glaskasten finden sich Postkarten, die die Soldaten von der Front in die Heimat geschickt hatten. Viele von ihnen waren adressiert an Pfarrer Gonella von St. Stephanus Lank. Elf Milliarden Sendungen kamen von der Front in der Heimat an, 17,7 Milliarden gingen den umgekehrten Weg.

An einer Wandtafel hat der Stadtarchivar den Soldatenpass des Bürderichers Johann Hubert Jülich Seite für Seite abgebildet und erläutert. Neben den persönlichen Daten gibt das Papier Auskunft, in welchen Schlachten er gekämpft hat, dass er von einem Granatsplitter bei Lens ins Kinn getroffen wurde und dass er das Kreuz zweiter Klasse erhalten hat. Dennoch wurde er 1918 ohne Rente entlassen.

Beim Blick auf die Tabelle der Entschädigungszahlungen wird schnell deutlich, dass sich alles nach dem Rang des Soldaten richtet. So erhielten Witwen jährlich zwischen 1500 RM für einen Offizier und 100 RM für einen einfachen Soldaten.

Auf einer weiteren Tafel finden sich Bilder und Berichte aus den vier Lazaretten in Osterath, Büderich und dem Amt Lank. "Eine besondere Geschichte gibt es über einen russischen Gefangenen, der eine Sondergenehmigung erteilt bekam, um in Büderich am Gottesdienst teilzunehmen", erzählt Regenbrecht. "Als er letztlich starb, begleiteten viele Büdericher den Leichnam zum Friedhof. Das war eine große Geste."

Am Ende der Ausstellung finden sich Bilder aus den Schützengräben sowie Schnappschüsse aus privaten Briefen mit zugehörigen Zitaten. Etwa des danach gefallenen Lankers Hubert Wieler. Er schrieb in seinem letzten Brief: "Lieber Vater, ich sende dir meine herzlichsten Grüße, es kann vielleicht der letzte sein. Nun liegt die Möglichkeit vor, dass ich falle. Du als Soldat weißt ja, was dies heißt. Es tut mir leid für Mutter. Steh du ihr bei, auch dies zu ertragen."

(RP)