Rundgang durch den nördlichsten Ortsteil von Meerbusch

Serie: Meerbusch entdecken : Eine Tour durch die Freie Herrlichkeit

Mit Norbert Paas unterwegs in Nierst: Ein Straßendorf zwischen zwei historischen Höfen, mit vielen Pferden und närrischem Treiben. In dem landschaftlich geprägten Ortsteil leben 1600 Menschen.

Nierst ist die nördlichste der drei Rheingemeinden Meerbuschs. Das Dorf ist stolz darauf, sich als „Freie Herrlichkeit“ bezeichnen zu können, weil schon Hildegundis von Meer im Mittelalter den beiden großen Höfen in Nierst Abgabenfreiheit und niedere Gerichtsbarkeit zugebilligt hatte.

Urlaubsatmosphäre vermitteln die Wiesen und Pferdekoppeln mit Blick zum Rhein. Foto: RP/Angelika Kirchholtes

Eigenwillig und eigenständig gibt sich das Dorf auch heute noch, was sich besonders im Karneval manifestiert. Mit Norbert Paas, Vorsitzender des Bürgervereins und natürlich auch Mitglied im Karnevalsverein, geht es zum Ortsspaziergang. Treffpunkt ist beim Pajas, eine der typischen Figuren des ‚Neeschter‘ Frohsinns.

„Ich habe schon den Pajas dargestellt, war Kinderprinz und viermal Minister“, zählt Paas auf. Die Bronzefigur steht auf dem zentralen Platz des Dorfes, an dem sich auch Feuerwehr, Kindergarten und Bürgerräume befinden. „In dem Haus, in dem heute der Kindergarten ist, war früher die Volksschule“, erzählt der Ur-Nierster, der seinen Stammbaum bis ins Jahr 1725 zurückverfolgen kann. „Im Schulgebäude gab es in den 50er Jahren zwei Klassenräume für acht Jahrgänge“, schmunzelt Paas. Das habe gut geklappt, wenngleich der Lehrer wenig Wert auf die deutsche Sprache gelegt, sondern platt gesprochen habe. Das sei allerdings nicht das erste Schulgebäude des Dorfes gewesen. Früher unterrichtete der Lehrer im sogenannten Hirtenhaus an der heutigen Straße Am Ziegelofen.

Jenseits des Dorfplatzes steht die Kirche St. Cyriakus, in der Paas geheiratet, die Kinder getauft und deren Hochzeit gefeiert hat – obwohl er selbst evangelisch ist. „Ich bin aber immer bei den Katholiken mitgegangen. Nierst war stets liberal.“ Auf dem Vorplatz der Kirche findet sich ein Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege. „Sehen Sie, hier steht auch der Name meines Onkels Mathias, der in Monte Cassino gefallen ist.“ Man denke jetzt darüber nach, auch die Vermissten zu vermerken. „Ein anderer Onkel von mir ist in Russland verschollen“, ergänzt Paas.

Nun geht es die Stratumer Straße hinunter, wo das (groß-)elterliche Haus heute noch steht. „Damals hatten wir Schweine, Hühner und Schafe und haben selbst geschlachtet“, erinnert er sich. Jetzt hängt ein rundes Schild über der Tür „Der Dorfladen“, aber die Jalousien sind geschlossen. „Meine Schwiegertochter hat versucht, hier einen Laden zu führen, aber es hat sich nicht gelohnt.“ Von dort ist es nicht weit bis zum Seisthof, eines der Gehöfte, die Nierst begründet haben. „Seist war in fränkischer Zeit ein Begriff für größere Flussinseln“, erklärt der Nierster. Ehe ein Rheindeich gebaut wurde, sei der Seisthof immer mal wieder vom Wasser umspült worden. „Daher wurde eine große Baumreihe gepflanzt, um das Gehöft vor Eisschollen zu schützen.“ Grüne Wiesen und Pferdekoppeln ziehen sich  bis an den Rhein, ein Pfund, mit dem Nierst wuchern kann. Blickt man vom neuen Deich über die Landschaft, sei das wie Urlaub, sagt Paas, der täglich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist. „Hier engt nichts den Blick ein. Man fühlt sich frei.“ Oft beobachte er Greifvögel und Spechte. Störche würden in den Rheinwiesen Rast machen, und so mancher Fuchs und Hase sagen sich hier gute Nacht. Gerade tollen einige Fohlen über die Wiesen. „Wir sind der drittgrößte Ortsteil Meerbuschs“, sagt Paas stolz. Wobei er die Fläche meint. Und Pferde gibt es auch besonders viele, da Nutztiere weitgehend abgeschafft wurden. Es geht zum zweiten wichtigen Nierster Gehöft, den Werthhof. „Hier habe ich als Kind viel gespielt, weil ich mit deren Zwillingen befreundet war“, sagt Paas und erzählt vom Versteckspielen im Schweinestall  oder den riesigen Keksrationen, die eine Fabrik den Tieren zukommen ließ – und wovon auch die Kinder naschten.

„Heute gibt es hier keine Landwirtschaft mehr. Allerdings war der Hof schon mehrmals Kulisse eines Spielfilms“, ergänzt der Nierster. Sogar Mario Adorf sei hier gewesen. Er selbst habe sich lange Zeit am Werthhof mit Freunden getroffen, um als Gruppe ‚Werthhof 1’ einen Wagen für den Rosenmontagszug zu bauen.

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