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Meerbusch: Mehr als die Stadt der Millionäre

Meerbusch : Mehr als die Stadt der Millionäre

Ja, die Zahl der Einkommensmillionäre ist nirgends höher als in Meerbusch. Nachdem das geklärt ist, hier drei Gründe, warum die Reichen so einen guten Wohnort-Geschmack haben — und wieso ein Besuch in Meerbusch immer einer zu wenig ist

Natürlich hat Meerbusch interessante Sehenswürdigkeiten zu bieten. Wer sich für so etwas interessiert, kann sich ja einen Reiseführer kaufen.

Wer aber einen Ort besuchen will, der des Sehens wirklich würdig ist, muss in Meerbusch einen Platz aufsuchen, der in keinem Reiseführer Erwähnung findet: einen großen Parkplatz im Herzen des größten Ortsteils Büderich. Sobald die Temperaturen über Null Grad Celsius steigen und ein ob seiner winterlichen Fahlheit schüchterner Sonnenstrahl unentschieden die Winterwolkendecke durchbohrt, wird dieser Parkplatz zur großen Freiluftbühne.

Dort wird grandioses absurdes Theater geboten: Die Büdericher gehen in eine rund 40 Meter entfernte Eisdiele, kaufen sich ein Tiramisu oder ein paar Bällchen Tiramisu-Eis im Becher oder beides und laufen, nein: pilgern zurück zum Parkplatz. Gebettet auf Korbgeflechtstühle, umgeben von vielfarbigem ruhenden Blech, umflort vom oktanhaltigen Odeur des Parksuchverkehrs lassen sie dann becherleerenderweise ihre Blicke schweifen.

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Unerschrockenen Meerbusch-Entdeckern sei empfohlen, es ihnen gleichzutun. Erstens, weil einem dort manchmal Wahl-Büdericher wie TV-Sternchen Verona Feldbusch, Gladbach-Spieler Martin Stranzl oder Rennfahrer Heinz-Harald Frenzen durchs Bild laufen. Zweitens, weil das Eis von Palatini wirklich eine Wucht ist und es die Seele spätestens nach der zweiten Kugel nach Italien beamt, während die Körperhülle noch auf dem Parkplatz verweilt. Und drittens, weil der Eintritt ins Freilufttheater gratis ist und ein ebenfalls kostenfreier, ausreichend dimensionierter Parkplatz gleich neben dieser wohl skurrilsten Sehenswürdigkeit des Ortes liegt.

Der Meerbuscher kennt das Klischee von der Stadt der Millionäre zu genüge. Und reagiert auf seine Weise: Er löscht seine Existenz aus. Knapp 55 000 Einwohner hat die "Stadt im Grünen", wie sie sich selbst gern nennt, auf dem Papier. Aber Meerbuscher sind nicht darunter. Stattdessen gibt es Büdericher, Osterather, Strümper, auch Nierster, Langst-Kierster und Ilvericher, Lank-Latumer, gar Ossum-Bösinghovener.

Dem Büdericher wird gern nachgesagt, er fühle sich eher als Düsseldorfer, dem Lanker, er gehe ja nicht mal nach Latum. Das ist natürlich böse und gemein und völlig übertrieben, aber eines ist es nicht. Aus der Luft gegriffen. Noch vor einigen Jahrzehnten warnte der Büdericher Pfarrer seine Gemeinde von der Kanzel vor dem Gang nach Osterath, weiß die Büdericherin Eri Krippner. Das sei der "Weg zur Hölle", rief der Geistliche. Ob er vor einem beliebten Tanzlokal auf dem Weg warnen wollte oder vor den berüchtigten Schlägereien beim Osterather Schützenfest, ist leider nicht überliefert.

Eines muss man den Meerbuschern lassen. Sie haben mit der Wahl ihres Wohnortes einen erlesenen Geschmack unter Beweis gestellt. Warum? Unsere Leser erklären es. Erstens: die Villenkolonie im Stil einer Gartenstadt im Alt-Meererbusch. Breite Alleen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt, parkähnliche, mindestens 1500 Quadratmeter große Gärten trennten die Villen voneinander. Ein Spaziergang lohnt; die Gebäude sind einzigartig. Auch die Schweizerische Eidgenossenschaft besaß dort ein Grundstück, erinnert sich der frühere Bürgermeister Lothar Beseler. Als dort 1989 der Generalkonsul einzog und die Mauer zusätzlich mit Stahlzaun samt Eisenspitzen gesichert wurde, waren die Nachbarn wenig begeistert — und verstopften in einer Nacht- und Nebelaktion das Schlüsselloch der Eingangstür mit Kaugummi.

Zweitens: der Rhein. Es gibt keinen Ort, an dem sich die Niederrheinlandschaft von einer pittoreskeren Seite zeigt als in den unter Naturschutz stehenden Rheinbuchten der Spey im Ortsteil Nierst. Dort brüten Nachtigall und Pirol, erklingt das "Körr Körr" des Gänsesäger-Weibchens, während der Wind die Spaziergänger durch Schwarzpappeln und Silberweiden berauscht.

Drittens: Haus Meer. "Der Weyhe-Park von Haus Meer ist der spannendste Ort in Meerbusch, wegen der historischen Relikte", sagt Heribert Jacobs. Im Mittelalter stand dort ein Kloster, später ein Schloss des Krefelder Seidenbarons von der Leyen. Den zugehörigen Park legte Joseph Clemens Weyhe an. Seit das Schloss im Krieg zerbombt wurde, stehen nur noch Ruinen, verwilderte der Park. Der Förderverein Haus Meer kümmert sich liebevoll um das Gesamtdenkmal, in dem eine taiwanische Hotelgruppe den Bau eines Luxusresorts plant.

Jeder Besuch in Meerbusch ist einer zu wenig. Denn neben Natur und Architektur machen die Einwohner den Charme Meerbuschs aus. Es sind weltoffene, gebildete, spannende Personen. 55 000 gute Gründe, Meerbusch zu besuchen.

(RP)