1. NRW
  2. Städte
  3. Meerbusch

Meerbuscher Schulen sollen Geld für die Digitalisierung bekommen

Politik in Meerbusch : Politik gibt Gelder für Schul-Digitalisierung frei

Die Corona-Krise hat dramatische Mängel an den Meerbuscher Schulen offenbart. Der Schulausschuss hat den Sperrvermerk über 544.000 Euro aufgehoben. Die Schulen sollen mit entscheiden, welche Geräte sie von dem Geld kaufen wollen. Die Digitalisierung soll künftig Thema jeder Schulausschuss-Sitzung sein.

Corona-Schulalltag in Meerbusch: Eine Grundschullehrerin irrt mit ihrem privaten Handy über den Schulhof, auf der Suche nach einem Netz, damit sie mit zwei Schülerinnen eine Konferenz machen kann. Lehrer touren durch die Stadt und werfen Umschläge mit kopierten Arbeitsblättern in die Briefkästen ihrer Schüler. Lernplattformen brechen wegen Überlastung zusammen. Pädagogen stellen selbst gedrehte Videos ins Netz und versenden Nachrichten an die Schüler über ihren privaten E-Mail-Account. Datenschutz? Fehlanzeige.

„Im Moment ist uns das Wichtigste, dass wir überhaupt irgendwie Kontakt zu den Schülern halten. Da entscheiden wir vieles ganz pragmatisch“, sagt Klaus Heesen, Leiter der Maria-Montessori-Gesamtschule. Anne Weddeling-Wolff, Leiterin der Martinus Grundschule, zieht ein deprimierendes Fazit: „Derzeit kann ich nicht so unterrichten, wie es mein Anspruch ist. Im Gespräch mit Kollegen aus anderen Kommunen habe ich mich teilweise geschämt. Was hier passiert ist, wird einer Stadt wie Meerbusch nicht gerecht.“ Beide Schulleiter, die stellvertretend für ihre jeweilige Schulform im Schulausschuss ihre Erlebnisse in Corona-Zeiten schilderten, appellierten an die Politiker: „Bitte warten Sie nicht länger. Bitte heben Sie den Sperrvermerk auf!“ Spätestens da war allen klar: Das Geld für die Digitalisierung der Meerbuscher Schulen muss fließen. Und zwar sofort.

Hintergrund: Bei den Haushaltsberatungen für die Jahre 2020 bis 2024 waren die Gelder für die Digitalisierung der städtischen Schulen grundsätzlich schon bereitgestellt worden (pro Jahr 544.000 Euro; 258.000 Euro aus Fördermitteln, der Rest aus städtischen Eigenmitteln). Allerdings gab es den Sperrvermerk, weil die Verwaltung erst ein entsprechendes IT-Konzept für die Schulen vorstellen sollte. „Das Konzept ist fertig, allerdings ist es von Februar“, sagt Erster Beigeordneter Frank Maatz. „Dann kam Corona. Seitdem sind Welten vergangen. Die Details sind inzwischen veraltet.“

Geblieben sind allerdings die Ziele, die Maatz für die Meerbuscher schulen grob so formuliert: „Mit Beginn des neuen Schuljahrs sollen alle städtischen Schulen über eine ausgebaute Netzverbindung verfügen.“ Außerdem strebe die Stadt bis zum Jahr 2024 an, dass in Grundschulen zwei Schüler auf ein mobiles Endgerät kommen, in weiterführenden Schulen sollen es drei Schüler pro Gerät sein. Während die Verwaltung sich dabei für iPads ausspricht, wollen die Politiker diese Entscheidung offen lassen.

Einstimmig hat der Schulausschuss beschlossen: Der Sperrvermerk wird aufgehoben. Die Verwaltung kauft davon mobile Endgeräte in Abstimmung mit den jeweiligen Schulen. Das IT-Konzept wird laufend überarbeitet und der Punkt Digitalisierung steht künftig in jeder Schulausschuss-Sitzung auf der Tagesordnung. Die Verwaltung informiert sich außerdem, welcher Anbieter den besten IT-Service an Schulen leistet. Aktuell ist das für Meerbusch das Kommunale Rechenzentrum Niederrhein in Moers (KRZN), andere Kommunen im Rhein-Kreis Neuss und die Städte Düsseldorf und Mönchengladbach arbeiten mit der IT-Kooperation Rheinland (ITK-R) zusammen. Die Schulen mit dem Vertragspartner ITK-R sollen in der Corona-Krise weniger Probleme gehabt haben als die Meerbuscher.

Die Schulleiter Anne Weddeling-Wolff und Klaus Heesen erklärten, was Lehrer, und Schüler am dringendsten benötigen: „Flächendeckendes WLAN in allen Schulen, eine schnelle, stabile Verbindung und eine verlässliche und geschützte Lern- und Kommunikationsplattform.“ Ob die Schulen dann am Ende Tablets oder Notebooks wollten, sei ihnen freigestellt, betonte Frank Maatz. „Die Gelder lassen eine Bandbreite der Eigenverantwortlichkeit zu.“ Markus Schmidt, Sprecher der Stadtschulpflegschaft, forderte: „Stellt das Geld zur Verfügung und gebt die Kompetenz an die Schulen weiter.“

Denn die Unterschiede in der Ausstattung und damit auch die Ansprüche der Schulen sind aktuell unterschiedlich. Während die Lehrer an der Martinus Schule beispielsweise morgens nicht wissen, ob die veralteten Rechner überhaupt eine Internetverbindung bekommen, arbeitet die Maria-Montessori-Gesamtschule seit einigen Jahren mit einer einheitlichen Lernplattform. Das bedeute aber nicht, dass die Grundschulen vernachlässigt werden dürfen, betonte Weddeling-Wolff: „Wir brauchen nicht weniger, sondern etwas anderes.“

Klaus Heesen machte auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Wir erreichen in der Corona-Krise nur rund 90 Prozent unserer Schüler – bei den anderen laufen wir Gefahr, sie zu verlieren.“ Das sei dramatisch und ein Desaster. Ute Piegeler vom Fachbereich Schule sagte dazu: „Es darf nicht sein, dass beim Homeschooling nicht alle Kinder gleichermaßen erreicht werden, sondern nur die, die WLAN und die enstprechenden Geräte zuhause haben. Wir müssen dringend eine Lösung finden, damit diese Kinder nicht abgehängt werden.“ Aber noch sei man leider nicht so weit, dass Tablets wie Bücher zu Beginn eines Schuljahrs ausgeliehen werden könnten.

Einig waren sich alle: Die Digitalisierung ist ein dynamischer Prozess. Was gestern noch galt, ist morgen veraltet. Und Corona habe Mängel aufgedeckt, an die man vorher nicht einmal gedacht habe. Pädagogin Anne Weddeling-Wolff sagte: „Aber was gerade passiert, ist nicht mehr umkehrbar. Der Mix aus Präsenz- und Distanzlernen wird bleiben – auch nach Corona.“