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Meerbusch: Wie Almut Schoch als Kind die Flucht erlebte

Meerbusch : Wie Almut Schoch die Flucht erlebte

In einem Buch und im VHS-Schreibprojekt erzählt Almut Schoch von ihrer Kindheit in Pommern. Mit der Flucht aus ihrer Heimat verbindet sie auch viele gute Erinnerungen. Heute lebt sie in Lank-Latum und ist künstlerisch tätig.

Bulgrin heißt das Dorf in Westpommern, in dem Almut Schoch als Almut Lüdtke 1939 geboren wurde. Seit 1964 lebt sie in Lank-Latum, wo ihre sechs Kinder aufgewachsen sind. Aber die Erinnerung an die eigene Kindheit ist wach geblieben: „Dort, wo die Chausseen von Jahrhundertbäumen gesäumt sind, stand mein Elternhaus, ein weitläufiges Gut.“

Auf Drängen von Tochter Anke hat Almut Schoch auf mehr als 160 Seiten in einem bebilderten Buch die Erlebnisse ihrer Kindheit bis zum 18. Lebensjahr zusammengefasst. Es trägt den Titel „Pommerland ist abgebrannt“, in Anlehnung an ein Kinderlied, das unter anderem von den Grauen des Krieges erzählt: „Trotzdem bin ich sehr glücklich aufgewachsen.“

Darüber berichtet Almut Schoch auch in dem von der VHS initiierten Schreibprojekt „Erinnerung bewahren – als weniger mehr war“. Dort erzählt sie von der Puppenstube, an der Licht ein- und auszuschalten war: „Als ich drei Jahre alt war, gab es in unserem wunderschönen Haus noch kein elektrisches Licht.“ Bereits die Geschichte von der Goldhochzeit der Großeltern – „welches Glück, das erlebt zu haben“ - in der Niederlausitz 1944 ist von Kriegsgeschehnissen geprägt, erzählt von der plötzlichen Vertreibung und dem nagenden Hunger, der sie nicht schlafen ließ.

Im Jahr 1950 handelt die Geschichte, als sie von ihren Geschwistern per Schlitten in die Schule gezogen wurde, weil sie nur selbstgenähte Schuhe besaß, die nicht schneetauglich waren. Das Verhöhnen der Mitschüler in Thüringen ist ebenfalls noch wach: „Die Dorfjugend hatte nicht Heimat, Hab und Gut verloren, musste sich nicht an viele grausame Erlebnisse erinnern.“ Dabei musste die Familie noch einmal fliehen und das selbst erbaute Haus im thüringischen Günzerode zurücklassen: „Es war ein Fachwerkhaus, in dem wir mit vielen Menschen lebten – bis die Russen den oberen Stock und damit das Dach einfach abgerissen haben.“ 1952 ging es mit dem aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Vater über Berlin ins Grenzdurchgangslager Friedland: „Unser erstes Weihnachtsfest in Freiheit verbrachten wir in diesem Lager. Daran habe ich viele gute Erinnerungen. Die langen Tafeln am Heiligabend für die Flüchtlinge waren mit sehr viel Liebe gedeckt. Wenn ich daran denke, bin ich noch heute zu Tränen gerührt, es war so menschlich.“

Nach Friedland gings über Frankfurt nach Düsseldorf, wo die Flüchtlinge in einer Turnhalle hinter provisorischen Trennwänden in Kabinen untergebracht wurden. Je ein Bett mit Wolldecken stand zur Verfügung und in einer kleinen Zinkwanne auf einem Waschbrett wurde die Wäsche gewaschen wurde: „Eine fremde Frau half uns, übernahm unsere wöchentlichen Lebensmitteleinkäufe, aber ihr Mann durfte davon nichts erfahren.“

Heute sagt Almut Schoch: „Wer diese Zeilen liest, dem wird bewusst, wie wenig eigentlich gebraucht wird, um glücklich zu sein. Freiheit ist ein wichtiges Gut. Ich bin froh, diese Seite des Lebens kennengelernt zu haben. Es macht demütig und verständnisvoll.“ Die Kinder und Enkel sind froh, dass die Großmutter viele Dinge aufgeschrieben hat. Ermunterung dazu gab es vom Nachwuchs, der mehrere „Oma erzähl mal!“-Bücher als Erinnerungsalben schenkte und damit zum Schreiben anregte.

Aber Almut Schoch hat noch andere Talente. Sie spielte schon als Kind Gitarre und hat gern gemalt: „Der Lehrer ermutigte mich immer.“ Trotzdem hat sie die Malkunst erst erlernt, als die Kinder selbstständig waren, hat VHS-Sommerakademie-Kurse in Öl- und Aquarelltechnik sowie Bildhauerei belegt und an Ausstellungen in der Teloy-Mühle teilgenommen. Auch diese künstlerischen Arbeiten werden festgehalten: „Wenn meine Tochter 60 wird, bekommt sie ein Album mit einigen Bildern, die ich gemalt habe.“