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Meerbusch: Warum der Winter dem Wald fehlt

Natur in Meerbusch : Warum der Winter dem Wald fehlt

Birgit Jansen vom Hegering Meerbusch erklärt in der Reihe „Lernort Natur“ Kindern, Fauna und Flora im Wald. Im Moment stellt sie fest: Es gibt gar keinen Winter mehr, dabei wäre er für die Natur sehr wichtig.

Verabredet waren wir eigentlich zu einem Waldspaziergang im Schnee. Treffpunkt: der Herrenbusch zwischen Schloss Pesch und Haus Gripswald in Ossum-Bösinghöven – dem Wald mit dem ältesten Baumbestand in Meerbusch, in dem sogar 300-jährige Buchen stehen. Wer zum vereinbarten Treffpunkt nicht da war, war der Schnee. „Das wäre wirklich schön, wenn es mal kräftig schneien würde“, sagt Wald-Expertin Birgit Jansen. Es sei grad viel zu warm. Auch wenn man langanhaltenden Schneefall wie in der Eifel, im Sauerland oder im Schwarzwald im Rheinland nicht kennt, täte vor allem klirrende Kälte der Natur gut, so Jansen. Sie streift seit Jahren, meistens mit dem elfjährigen Golden Retriever Henry an der Leine, durch die Natur. Dabei hat sie einen Blick auf jede Veränderung, jede wilde Schneise, die Spaziergänger schlagen, jeden Pilz, jede Pflanze, die sich zart aus dem Boden nach oben kämpft.

Warum sie ein Schnee-Fan ist? „Jede Schneeflocke ist doch ein Unikat und sieht toll aus“, ist ihre erste - zugegeben: poetische – Begründung. Die andere ist fachlicher: „Der Schnee verschafft der Natur die nötige Ruhe.“  Zudem bräuchten einige Pflanzen den Schnee, um überhaupt keimfähig zu sein. Schnee und Frost sorgen außerdem dafür, dass Mückenlarven den Winter nicht überstehen und im nächsten Sommer zu keiner Plage werden. Noch ein Grund: „Gucken Sie mal, hier: Die Haselnuss blüht schon.“ Das schreckt nicht nur Allergiker auf, sondern auch Wald-Experten. Denn wenn die Haselnuss – so wie viele andere Pflanzen – schon früh im Jahr blühen und es dann doch noch mal kalt wird, frieren diese Pflanzen unwiederbringlich ein. Dann ist es aus mit der Haselnuss. Eigentlich blüht die nämlich erst Anfang März. Der Grund für die frühe Blühe liegt auf der Hand: der menschengemachte Klimawandel. Genau er spiegelt sich auch im Herrenbusch, aber auch in den anderen Wäldern von Meerbusch wider. So sprießen Aron-Stab und Hainbuche schon als kleine Pflänzchen und brütet sogar schon die Kohlmeise. „Alles viel zu früh“, so Jansen.

 Diese alte entwurzelte Buche ist ein Opfer der Trockenheit.
Diese alte entwurzelte Buche ist ein Opfer der Trockenheit. Foto: Anke Kronemeyer
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Gab es denn in diesem Winter noch gar keinen Schnee? „Doch, am ersten Weihnachtsfeiertag“, sagt Jansen mit leicht-ironischem Unterton. „Das war vermutlich unser Winter.“ Und weil es so wenig schneit, ist der Auenwald auch nicht richtig durchfeuchtet. „Auch wenn viele denken, dass es ja viel und lange geregnet hat: Das reicht noch nicht.“ Sie zeigt auf Wasserlachen im Herrenbusch. „Die Bäume wie die Schwarzerle müssten an 200 Tagen im Jahr unter Wasser stehen, sonst werden sie von anderen Pflanzen wie der Brombeere überwuchert und vertrocknen.“ Die Regenmengen seien zwar schon mehr geworden als in den drei Dürre-Jahren, aber noch nicht ausreichend. „Die Grundwasserspiegel sind noch nicht wieder komplett aufgefüllt.“

Die Trockenheit sei es auch, die dazu führe, dass immer mal wieder ein Baum umstürzt, erklärt sie, als wir an einer großen entwurzelten Buche vorbei kommen. Ein langer, dicker Baum, der da mit der Krone in einer nebenstehenden Eiche hängt. Wie alt der wohl war? Birgit Jansen misst den Umfang, rechnet um und kommt auf 160 Jahre. Eine 160 Jahre alte Buche im Herrenbusch fällt um, weil der Klimawandel den Boden austrocknet? Oder der Ahorn, ein paar Meter weiter. Er musste von den städtischen Waldarbeitern gefällt werden, weil er von der tückischen Rußkrankheit befallen war, wie sie mit Blick auf den gekappten Stamm feststellt. „Auch ein Problem durch Trockenheit.“

Es sind aber nicht nur die Spuren des Klima-Wandels, die Birgit Jansen auffallen: „Es gibt auch Corona-Spuren.“ Sie zeigt immer wieder auf plattgetretene Pflanzen, über die sich Wald-Besucher einen anderen Spazierweg abseits des normalen Wegs gesucht haben. „So werden immer mal wieder schnell 200 Quadratmeter des Waldes platt getreten – ohne Not.“ Viele hätten während der Pandemie den Wald für einen Spaziergang entdeckt, hätten aber halt keinen Bezug zur schützenswerten Natur und würden, ohne nachzudenken, einfach durchtrampeln. „Oder den Hund laufen lassen, der dann ein Reh reißt,“ sagt Arnd Römmler vom städtischen Ordnungsdienst. Das wiederum haben er und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Auge, wenn sie bei ihren Kontrollen unterwegs sind. „Dazu gehört auch, dass niemand auf verbotenen Wegen direkt an den Wald ranfahren darf, um mit dem Hund eine kurzen Weg zu haben.“

Um schon Kindern den Wert eines Waldes zu erklären, bietet der Hegering Meerbusch Gruppen von Kitas oder Schulen regelmäßig Rundgänge an. Birgit Jansen selbst geht alle 14 Tage mit einer festen Gruppe von Kindern und deren Eltern durch den Wald, immer mit einem anderen Thema. Dabei versucht sie dann, ihr Motto zu vermitteln, das sich aber auch an die Wald-Besitzer richtet, die immer mal wieder durch gezielte Fällungen und Neupflanzungen in den Lauf der Natur eingreifen. „Am besten überlässt man die Natur sich selbst. Der Wald macht das schon.“