Meerbusch: Kassem Aldoleme flüchtete aus Syrien und arbeitet jetzt bei der Stadtverwaltung

In nur drei Jahren zum Verwaltungsangestellten : Ein Flüchtling, der angekommen ist

Kassem Aldoleme ist es gelungen, sich in nur drei Jahren zum Verwaltungsangestellten hochzuarbeiten. Eine Erfolgsgeschichte.

Mit einem klassischen Verwaltungsbeamten hat Kassem Aldoleme so gar nichts gemein. Der gebürtige Syrer ist nicht der typische Rathaus-Mitarbeiter. Seit September arbeitet der 30-Jährige in der Asylabteilung der Stadt Meerbusch. In einer Abteilung, in der er Flüchtlingen hilft – Menschen, die sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen, so wie er es will. Die Geschichte von Kassem Aldoleme ist eine Erfolgsgeschichte, die erzählt, wie gut Integration funktionieren kann, und was möglich ist, wenn Flüchtlinge konkrete Ziele verfolgen.

Nach 30-tägiger Odyssee kam Aldoleme Ende Juli 2015 in Deutschland an. Er musste sein Heimatland und seine Familie verlassen, weil er dort gezwungen gewesen wäre, für die Terrormiliz „IS“ oder das Assad-Regime zu kämpfen. Er hat Familienmitglieder, Freunde und Bekannte verloren, brutale Szenen erlebt. „Meine Flucht hat 30 Tage gedauert“, sagt Aldoleme, der offen darüber spricht. Es waren die schlimmsten Tage seines Lebens. In einem überbesetzten Schlepperboot trieb er fünf Stunden im Meer zwischen der Türkei und Griechenland. „Wir haben alle überlebt.“ Aldoleme wurde in Ungarn verfolgt, verlor seinen Rucksack, versteckte sich drei Tage lang ohne Essen in einem Wald, wurde gefangen genommen und geschlagen. „Mit einem Schlepper haben wir es schließlich über Österreich nach Passau geschafft.“ Deutschland – das war sein Ziel. „Als ich angekommen war, konnte ich endlich wieder ruhig schlafen“, sagt er. „Hier sehe ich eine Zukunft, hier möchte ich eine Familie gründen.“

Gut drei Jahre nach seiner Flucht spricht Kassem Aldoleme perfekt Deutsch, hat eine unbefristete Anstellung bei der Stadtverwaltung, eine eigene Wohnung, viele soziale Kontakte. Seine Integration ist gelungen. „Alleine hätte ich das nicht geschafft“, sagt er und richtet ein „Dankeschön“ an diejenigen, die ihn in den vergangenen Jahren so tatkräftig unterstützt haben: An Menschen wie Jörg Wartchow, der sich sechs Monate lang intensiv um ihn kümmerte, mit ihm Deutsch lernte und ihm wichtige Dinge des deutschen Alltags zeigte.

Kassem Aldoleme ist angekommen. Er feiert inzwischen sogar Karneval und Schützenfest. „Ich bin stolz darauf, Meerbuscher zu sein“, sagt der Verwaltungsmitarbeiter, der momentan zwar in Krefeld wohnt, aber in Meerbusch eine Wohnung sucht. In den vergangenen Monaten hat er sich enorm ins Zeug gelegt: Ohne eine Sprachschule besucht zu haben, bestand er die Sprachprüfung für Deutsch auf dem Niveau B1, sicherte sich ein Sprachstipendium, schaffte schließlich die so genannte C1-Sprachprüfung in kurzer Zeit und holte sich eine Erlaubnis, mit der er für immer in Deutschland bleiben darf. In Syrien hatte der zielstrebige Mann Jura mit dem Schwerpunkt „Internationales Recht“ studiert. Sein Bachelor-Abschluss ist in Deutschland anerkannt worden – eine wichtige Voraussetzung für seinen Start ins Berufsleben.

Wie er es geschafft hat, in so kurzer Zeit so perfekt Deutsch zu sprechen? „Ich habe radikal alles umgestellt. Die Sprache meines Handys habe ich auf Deutsch gestellt, ich habe Videos auf Deutsch geschaut, alle Gegenstände mit Zetteln verssehen, auf denen die deutschen Begriffe stehen. Und ich habe mich gezwungen, mit anderen Menschen Deutsch zu sprechen.“

Für die Stadtverwaltung Meerbusch, da findet Sprecher Michael Gorgs deutliche Worte, ist Kassem Aldoleme „ein Glücksfall“: „In der Asylabteilung hilft er mit seiner Herangehensweise und mit seinen Sprachkenntnissen. Viele Flüchtlinge haben ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zu ihm.“ Der 30-Jährige kann sich gut in die Lage derer versetzen, die in der Asylabteilung Rat suchen. Er weiß um diesen großen Vorteil, betont aber: „Ich behandel alle Menschen gleich.“

Tatsächlich hatte sich Aldoleme aussuchen können, wo er als Verwaltungsangestellter arbeiten wollte. Er bekam Angebote aus Krefeld, Mönchengladbach – und aus Meerbusch, der Stadt, der er 2015 zugewiesen wurde. Das Übergangswohnheim, in dem er damals untergekommen ist, befindet sich nur wenige Meter neben dem Verwaltunsggebäude am Neusser Feldweg, in dem er heute sein eigenes Büro hat. Kassem Aldoleme hat sich gezielt für das Job-Angebot aus „seiner“ Stadt Meerbusch entschieden. „Auch aus moralischen Gründen“, sagt er und ergänzt: „Ich hänge mit dem Herzen an Meerbusch, hier haben mir sehr viele Menschen geholfen.“ Außerdem sei er vom Team der Asylabteilung sehr gut eingearbeitet worden. „Anfangs habe ich mich nicht getraut, ans Telefon zu gehen. Ich fühlte mich sprachlich noch nicht sicher. Jetzt geht mir das leicht von der Hand.“ Auch sei das mit den Begriffen aus dem Beamtendeutsch für ihn jetzt nicht mehr so schwierig wie am Anfang, in den zwölf Monaten, in denen er ein Praktikum in der Asylabteilung absolvierte.

Der gebütige Syrer selbst engagiert sich im Verein „Meerbusch hilft“, ist Gründungsmitglied und war zwischenzeitlich auch im Vorstand aktiv. Er hat im Verein – auch als Mitglied – viel Unterstützung erfahren und will nun anderen Menschen helfen. Das kann der 30-Jährige, der Arabisch als Muttersprache, Kurdisch, Englisch und Deutsch spricht, in seinem Arbeitsalltag, in dem er sich um alle Dinge kümmert, die Flüchtlinge in Meerbusch betreffen. Jeden Tag spricht er mit anderen Geflüchteten, die in Meerbusch untergebracht sind. Mit Abteilunsgleiterin Beatrix Dreyer und der Integrationsbeauftragten Stefanie Mertens sowie vier weiteren Kolleginnen bildet er ein Team. „Hier möchte ich bleiben.“ Christian Kandzorra

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