Meerbusch: Die besten Tropfen kamen aus Lank aus der Schenke van Dawen

Serie „Schätze aus dem Stadtarchiv“ : Die besten Tropfen kamen aus Lank

Die Weingroßhandlung van Dawen war mehr als 100 Jahre weit über Lank-Latum hinaus das beste Haus am Platz.

In der Alten Weinschenke von Jos. Van Dawen am Lanker Markt war selbst Bundespräsident Theodor Heuss schon zu Gast. Das Haus war so beliebt, dass in den 1920er Jahren eine Buslinie das Lokal mit der Krefelder Innenstadt verband. All das und mehr findet sich in einem erst kürzlich gehobenen Schatz im Stadtarchiv. Stadtarchivar Michael Regenbrecht konnte das vor wenigen Jahren von den Erben übernommene Konvolut alter Geschäftsakten des Traditionshauses durch einen Ankauf um einige wichtige Notarakten zur Geschichte von Haus und Familie erweitern.

Das Ehrendiplom des „Frohen Sängerbund“ für Wirt Franz van Dawen. Foto: RP/Stadtarchiv

Dabei sind schon die Unternehmensakten, die bis über das Kaiserreich hinausgehen, etwas Besonderes. Schon um 1870 sind die Weinankäufe von Rhein, Pfalz oder Mosel akribisch vermerkt. Ebenso verzeichnen Dutzende Ausgangsbücher, welcher Kunde Wein zu welchem Preis bezogen hat. Allein durch die Kontenbücher und unzähligen Quittungen könnten nicht nur Geschäftsbeziehungen, sondern über fast ein Jahrhundert hinweg ganze Firmenverzeichnisse, Geschäftsgänge und Kundenbeziehungen rekonstruiert werden.

Das Flugblatt für eine Weinversteigerung in Mainz 1964. Foto: Mike Kunze

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg und selbst noch in der Kriegszeit lagen die Unternehmensumsätze bei knapp 100.000 Reichsmark jährlich. Sie teilten sich in Weinhandel und Weinschenke auf und waren damals eine riesenhafte Summe – ein Wohnhaus kostete damals 5000 bis 10.000 Reichsmark. Die amerikanischen Besatzer plünderten im Frühjahr 1945 den Weinkeller bis auf die letzte Flasche, so dass zum 100-jährigen Bestehen im August unter abenteuerlichen Umständen wieder Wein von der Mosel an den Niederrhein geschafft werden musste. Das der Latumer Fabrikant Franz Schmitz den Wein zum Jubiläum aus seinem privaten Vorrat beigesteuert habe, ist also wohl eine bis heute liebevoll gepflegte Legende im Dorf. Nach dem Krieg gelang den Brüdern Josef (1892-1959) und Robert van Dawen (1897-1972) schnell wieder der Aufstieg zu alter Größe. Schon Ende der 1940er Jahre kletterten die Umsätze nach der Währungsreform auf eine Viertelmillion D-Mark.

Eine Wirtschaftsübersicht für 1952 zeigt, dass die Einnahmen des Betriebes fast gleichwertig auf Handel und Schankbetrieb aufgeteilt waren. 50.385 Flaschen Wein wechselten in diesem Jahr für 139.747,42 D-Mark den Besitzer, in der Weinschenke ließen die Gäste noch einmal 100.740,34 D-Mark. Von dem Erlös mussten natürlich Personal, Gebäude und Fahrzeuge unterhalten sowie die Lebensmittel- und Weinkäufe bestritten werden. Gleichwohl hatte das Unternehmen über Jahrzehnte eine herausragende Stellung am Markt.

Das Wirtschaftswunder war die letzte Glanzzeit des Traditionsunternehmens, das nun neben Handel und Schenke noch eine Pilsstube eingerichtet hatte. Die Brüder verpachteten die Gastronomie ab 1959. Dabei war ihnen wichtig, so zeigt es ein Pachtvertrag, dass der „Charakter des Hauses“ bis hin zum penibel aufgelisteten Mobiliar und Geschirr gewahrt bleiben würde. Das meiste Besteck war standesgemäß aus Silber für rund 150 Gäste. Den 142 Biergläser standen übrigens 344 Wein- und 74 Sektgläser gegenüber. Die Pächter sollten ein Ehepaar sein, vom dem mindestens einer gelernter Koch sein musste. Beim ersten Pächterpaar Willi und Hertha Herbertz waren die van Dawens sogar zum Probe-Essen gekommen.

Der Wein für den Ausschank musste selbstverständlich von van Dawen bezogen werden, wofür extra ein Kommissionslager eingerichtet wurde, damit auch wirklich jeder gute Tropfen stets verfügbar war. Die Preisliste von 1959 verzeichnet Namen, die auch heute noch einen guten Klang habe: 53er Piesporter Goldtröpfchen für sieben D-Mark , 53er Bernkasteler Badstube Auslese für acht D-Mark oder 53er Graacher Himmelreich Spätlese für 9,50 D-Mark. Die günstigeren Weine waren schon ab 1,70 Mark je Flasche zu bekommen, teuerster Tropfen war die 53er Hochheimer Domdechaney Beerenauslese Cabinet naturrein. Unter den Schaumweinen gab es als Hausmarke die Flasche Hausschild für 5,50 D-Mark, Spitzenreiter war Matheus Müller, blaurot für 14 D-Mark. „Bierbälle sind nur bei vorheriger Genehmigung durch den Verpächter gestattet“, behielten sich die van Dawens vor, um ihren guten Ruf als Weinschenke nicht zu gefährden.

Nach dem Rückzug der Gebrüder van Dawen halbierte sich in den 1960er Jahren der Umsatz. Wirt Willi Herbertz verließ das Lokal 1968 und begründete dies mit seinem Alter, aber auch dem „ständigen Personalmangel“, der damals vor der großen Rezession noch herrschte. Nach dem Tod seines Bruders führte Robert van Dawen den Weinhandel noch einige Jahre weiter, ein Nachfolger fand sich jedoch nicht mehr.

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