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Künstler Holger Runge stellt in seiner alten Heimat Meerbusch aus.

Meerbuscher Künstler : „Ein Leben wie ein Märchen“

Holger Runge blickt mit fast 95 Jahren zurück auf eine ganze Ära. Eine Ausstellung mit seinen Werken ist in Lank geplant.

Holger Runge strahlt. Über Kunst zu sprechen, bereitet dem Grandseigneur sichtliches Vergnügen. 2007 habe er sich zwar schon aus dem aktiven Kunstbetrieb zurückgezogen, auch seine Augen seien nicht mehr so gut, sagt Runge. Doch um ihn herum zeugen unzählige Werke von ihm und seinen Freunden von einer langen Schaffensära. Man merkt ihm die Freude an, mit der er seine Besucher durch das Haus in Neuss-Reuschenberg führt, das längst auch die nächste Generation bewohnt. Das Atelier in Meerbusch-Bovert habe er allerdings schon aufgegeben, sagt der jetzt fast 95-Jährige. „Ich bin ein Künstler, der von der Vergangenheit leben kann.“

Seine Jugendzeit wurde jäh unterbrochen durch die Kriegsjahre. „Ich wurde mit 18 Jahren eingezogen und musste nach Russland“, erzählt Runge. Einige Situationen, die er durchlebte, würden ihn bis heute belasten. Verwundet kam er im Verwundeten-Zug nach Westdeutschland, wo er nach Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft geriet. Endlich konnte er zurück in seine alte Heimat Weimar. 300 Kilometer durch Wälder sei er gelaufen, berichtet Runge. In Weimar angekommen, lernte er das Bauhaus und seine Schüler kennen. „Davon war ich anfangs beeinflusst, aber nicht lange“, sagt Runge, der vorübergehend Architekt werden wollte. Doch habe er dort das zeichnerische Handwerk gelernt. Im Osten hielt es den Künstler allerdings nicht, und er floh mit seiner Schwester ins Rheinland – auf dem Fahrrad.

An der Düsseldorfer Kunstakademie kam er schließlich in die Radier-Klasse von Otto Coester (1902-1990). Radierungen sollten einen gewichtigen Teil des nun folgenden künstlerischen Schaffens ausmachen. Doch zunächst musste irgendwo Geld her zum Überleben. Für die Düsseldorfer Zeitung „Die neue Post“ mit Sitz an der Königsallee arbeitete Runge während des Studiums als Archivar und fertigte gelegentlich Karikaturen an. 300 Mark habe er damals monatlich erhalten, erzählt Runge. Und damit habe er sich über Wasser halten können. „Das war die Freiheit selber“, betont Runge. „Mein Leben ist wie ein Märchen gewesen.“

Doch bevor die Hochzeitsglocken läuteten, bedurfte es nach Ansicht des jungen Künstlers einer soliden Anstellung. Ende der 50er Jahre absolvierte Runge sein Examen und wurde Kunstlehrer an einer Schule. Der Familiengründung stand nun nichts mehr im Wege. Davor hatte es noch anders ausgesehen. Runge: „Ich hätte beinahe nicht geheiratet, weil ich nur mich selber ernähren konnte.“ Auch an der Düsseldorfer Kunstakademie erhielt Runge einen Lehrauftrag und vertrat gelegentlich seinen krankheitsbedingt verhinderten Professor Coester in dessen Radier-Klasse.

Die Reihe der Künstler-Freunde ist lang: Joseph Beuys, Erwin Heerich und noch viele andere Wegbegleiter kann Runge anführen. Mit Heerich, der zahlreiche Gebäude auf der Insel Hombroich entworfen hat, besuchte er das Areal noch zu Zeiten ursprünglichen Wildwuchses. „Wir wurden von einem Eichhörnchen angegriffen“, erinnert sich Runge mit einem Schmunzeln an den Ausflug. Durch ihre Kunstwerke sprechen die Freunde, auch wenn viele von ihnen nicht mehr Leben, noch zu ihm. Und er selber stellt bald aus: bei einer Schau durch den Kurator Bernd Meyer in der Teloy-Mühle.