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Meerbusch: Kindheit unterm Hakenkreuz

Meerbusch : Kindheit unterm Hakenkreuz

Als Adolf Hitler Reichskanzler wurde, war Rosemarie Vogelsang drei Jahre alt. Sie wuchs in einer Zeit auf, als aufs Hören britischer Radiosender die Todesstrafe stand. Ihr Vater tat es dennoch, heimlich, auf dem Dachboden.

"Ich kann mich erinnern, wie nachts in unserem Treppenflur Krach war", sagt Rosemarie Vogelsang (82). Zu einer Hausdurchsuchung sei die Gestapo drei Tage später gekommen und hätte den Vater im Eigenheim geschlagen. Vogelsang war gerade mal drei Jahre alt, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Als der Zweite Weltkrieg endete, war sie 15. Ihre Kindheit, ihre Jugend verbrachte Vogelsang unterm Hakenkreuz. "Die Angst ist immer geblieben", sagt die Historikerin und ehrenamtliche Denkmalschutzbeauftragte der Stadt Meerbusch.

Ihr erstes Gedächtnisfragment der Duisburger Kindheit sei das ablehnende Verhalten des Vaters gewesen, "als er von der Ernennung Adolfs Hitlers durch Reichspräsident Paul von Hindenburg" erfuhr. Eine pessimistische Einstellung, die sie die ganzen Jahre begleiten sollte. "Er regte sich später bei einer Belegschaftsversammlung auf. Er fragte alle Anwesenden, was sie denn wollten — ihnen gehe es doch gut", erklärt Vogelsang. "Mein Vater verdankte den Juden seine bürgerliche Existenz als kaufmännischer Angestellter. Sie entließen ihn nicht wegen seiner Kriegsverletzung."

Der Anfang der Repressionen: "Es kam eine Anordnung wegen staatsfeindlicher Untriebe", berichtet Vogelsang. Erst sorgte die NSDAP dafür, dass ihr Vater seinen Job bei den Hahnschen Werke Großenbaum verlor, dann die Hausdurchsuchung der Gestapo. In der Folgezeit seien "immer wieder Vorladungen" gekommen.

Doch für das Kind Rosemarie Vogelsang begann damit auch eine Phase, in der der Vater ausführlich Zeit für sie hatte. "Ich war auch ein glückliches Kind", sagt Vogelsang. Ihr erstes Radioerlebnis, da war sie vier Jahre alt, fiel in diese Zeit. "Vom Röhm-Putsch hörte ich da was." Während die Mutter als selbstständige Schneiderin zu Hause Kleider nähte, konnte Vater Heinrich mit dem Kind auf Radtouren gehen. Aber sie bekam noch anderes mit. "Es kamen dann auch immer protestantische Pfarrer und ehemalige SPD- und Zentrumspolitiker zu uns nach Hause."

Was sie machten, weiß sie nicht. Was der Vater immer wieder auf dem Dachboden erledigte schon. "Auf dem Dachboden hörte er heimlich den englischen Sender. Leise. Darauf stand die Todesstrafe." 1936 wurde Vogelsang eingeschult, damit erreichte der Nationalsozialismus das Mädchen endgültig. "Sie waren in unseren Schulbüchern drin", sagt Vogelsang. Mit Gedichten und Liedern über den Führer, voll mit Kriegsverherrlichung und Rassenideologien.

Die Pogromnacht erlebte Vogelsang in Düsseldorf — ihr Vater war an jenem Tag zufällig zu einem Ausflug mit ihr dorthin gefahren. "Da waren so viele Scherben. Wir bekamen panische Angst und fuhren schnell wieder heim." Dass es gegen die Juden ging, habe niemand übersehen können. Auch später nicht. "Wir wussten, dass irgendwas Schreckliches passierte", so Vogelsang. "Abgesperrte Gleise am Bahnhof" mit Sonderwaggons und "Berichte von Soldaten über Erlebnisse hinter der Front" ergaben ein schwammiges Bild. Doch es war da.

In die Landverschickung musste sie auch. "Toll. Zum ersten Mal durfte ich ohne die Eltern fort", sagt Vogelsang. Mit Fliegerangriffen und Freundinnen, die diesen zum Opfer fielen, kam der Schrecken immer wieder zurück. "Was in Duisburg passierte, ist auch auf Büderich übertragbar." Bei einem Klassentreffen 1948 lebten noch sechs von 27 Schülern. "Alleine in Büderich starben aus diesen Jahrgängen 72 Kinder."

(RP/rl)