Angst vor Haus-Abriss: Kierster fürchten um Dorf-Charakter

Angst vor Haus-Abriss : Kierster fürchten um Dorf-Charakter

Ein überdimensioniertes Bauvorhaben an der Straße Am Dyck könnte das Dorf stark verändern, sorgen sich Nachbarn. Im Planungsausschuss machte die Verwaltung deutlich, dass kaum Anlass für Hoffnung besteht.

Ein bisschen nach Pferd riecht es entlang der Schützenstraße. Vorbei an der Kirche St. Martin, Glocken läuten zur vollen Stunde, alte Höfe, Einfamilienhäuser, heile Welt. Dafür lieben die Kierster ihr Dorf, viele Anwohner fürchten jedoch, dass große Bauvorhaben diesen Charakter bald zerstören könnten.

Ein Stück weiter, an der Straße Am Dyck, leben Beate und Günter Nelles idyllisch in einer umgebauten Scheune. Enten, Ziegen und Katzen haben sie im Garten, auf der Bank vor der Haustüre sitzen sie gerne mit Blick auf das Haus nebenan, dem alten Bauernhaus des Nelles-Hofs, in dem Günter Nelles geboren und aufgewachsen ist. Diese Aussicht wird sich ändern: Das Bauernhaus soll abgerissen werden, große Neubauten entstehen.

Wie es dazu kam? Günter Nelles erbte vor Jahren die Scheune, sein Bruder das Haus. Vor drei Jahren starb der Bruder überraschend, die Nichten verkauften das Haus. Der neue Besitzer hat jetzt ganz andere Pläne: zwei moderne Mehrfamilienhäuser im Bauhausstil, neun Meter hoch mit Staffelgeschoss. Das Ehepaar Nelles ist nicht gegen den Neubau an sich, aber über das Ausmaß der Pläne entsetzt: „Die Optik ist natürlich Geschmackssache, aber diese Klötze in eine Umgebung zu setzen, die ortsbildprägend ist, ist mehr als geschmacklos“, findet Beate Nelles. „Wir mussten schon mit ansehen, wie der Ortsteil Langst mit dieser Form der Bebauung verunstaltet wurde, wir Kierster möchten aber den Charakter unseres Dorfes erhalten, wir können nicht mal eben wegziehen.“

Diesen Wunsch teilen auch die Nachbarn: Ein Anwohner holte sich juristischen Beistand und klagte dagegen, dass die Bauvoranfrage am 4. Juli 2016 positiv beschieden wurde. Auch an die Meerbuscher Fraktionen wandte sich die Anliegergemeinschaft Schützenstraße/Am Dyck, monierte, dass der geplante Bau im Vergleich zu den umliegenden Doppelhäusern deutlich mehr Geschosse, eine viel höhere Traufhöhe und eine Nutzung als Drei- oder Vierfamilienhaus haben soll.

FDP und UWG hatten daraufhin Anfragen an den Planungsausschuss gestellt. Seine Fraktion habe sich gewundert, dass die Bauvoranfrage schon genehmigt wurde, da das Gebäude im Geltungsbereich des Bebauungs-Plan 309 liege. Vor einem Jahr hatten Planungsausschuss und Rat gemeinsam beschlossen, diesen aufzustellen, mit dem vorrangigen Ziel, den dörflichen Charakter des Gebietes zu erhalten. Das Bauvorhaben scheine mit diesem Planungsziel nicht verträglich zu sein und würde auch die Realisierung des Bebauungsplans gefährden, schrieb Klaus Rettig (FDP).

Der Planungsausschuss am vergangenen Donnerstag war für die Anwohner dann aber ein „Schlag ins Gesicht“, wie Beate Nelles berichtet. Kirsten Steffens vom Fachbereich Stadtplanung und Bauaufsicht der Stadt Meerbusch hatte dort erklärt: Nachdem am 29. November 2016 ein Bauantrag eingegangen sei, müsse die Stadt nun über eine Baugenehmigung entscheiden. Die Klage gegen die Genehmigung der Bauvoranfrage hatte der Anwohner der Schützenstraße am Tag des Planungsausschusses zurückgezogen. Der Kläger habe nach einem Ortstermin mit der zuständigen Richterin wohl erkannt, dass er keinen Erfolg haben werde, sagte Steffens und weiter: „Wenn die Bauvoranfrage positiv beschieden wurde, muss die Stadt die Baugenehmigung erteilen. Darauf hat der Investor Anspruch.“ Die neue Bebauung füge sich in die Umgebung ein, sie sei nicht höher, ergänzte sie.

Klaus Rettig beklagte: „Man hätte sensibler vorgehen sollen und prüfen müssen, ob das Vorhaben dem Planungsziel Erhalt des dörflichen Charakters nicht zuwiderläuft.“

Der Ausschuss zeigte sich verärgert darüber, dass er nicht im Vorfeld über das Bauvorhaben informiert worden sei und nun keinen Einfluss mehr habe. Diskutiert wurde zudem, was eigentlich den dörflichen Charakter von Langst-Kierst ausmache.

„Über Ästhetik können wir nicht entscheiden“, unterstrich der Technische Dezernent Michael Assenmacher. Er mutmaßte, dass die Bürger eben keine Veränderung wollen. Überall dürfe gebaut werden, nur nicht vor der eigenen Haustür. „Ich weiß, dass ich mich mit dieser Äußerung unbeliebt mache“, ergänzte er. Die Anwohner haben inzwischen begonnen, Unterschriften gegen das Bauvorhaben zu sammeln.

Auch an anderer Stelle in Kierst wird um den dörflichen Charakter gefürchtet. Seit langer Zeit ein wunder Punkt: das Bauvorhaben auf dem früheren Reiterhof des Ehepaars Münker. Der neue Besitzer möchte dort ein Zehn-Parteien-Mehrfamilienhaus bauen. Der Planungsausschuss hatte vor einem Jahr die denkmalrechtliche Erlaubnis für den Neubau gegen den Rat der Verwaltung verweigert, die Stadt daraufhin den positiven Bauvorbescheid zurückgezogen. Der Investor klagte dagegen. Beim Vorort-Termin in Kierst machte dieselbe Richterin des Verwaltungsgerichts auch dort Halt und soll sich ebenfalls pro Bauen ausgesprochen haben.

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