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In Meerbusch sind noch zwei sogenannte Bockstationen erhalten

Meerbusch früher und heute : Nur einer im Dorf hatte einen Bock

In den sogenannten Bockstationen ließen die Menschen früher regelmäßig ihre Ziegen decken. Nur so gaben die Tiere weiterhin Milch. In den Ortsteilen Osterath und Bösinghoven sind diese Gebäude noch erhalten.

 

Die Ziege war in alten Tagen die Kuh des kleinen Mannes. Nur die wohlhabenden Bauern hatten mehrere Kühe, aber auch mit nur einer war man schon gut gestellt. Vielleicht auch ein gut gestellter Handwerker oder gar der Pfarrer. Die Masse der Landbewohner waren seit dem 18. Jahrhundert oft Tagelöhner und Kleinbauern, die kaum mehr als ihr Haus mit etwas Land zum Eigenbedarf besaßen, oder Gärtner, die Gemüsebau zum Verkauf auf wenigen eigenen Feldern betrieben.

Schuld an dieser Misere war die Real-Erbteilung, die im Rheinland üblich war und zunehmend für eine Zersplitterung des freien Besitzes und seit dem 18. Jahrhundert zunehmend auch der Erbpachtgüter sorgte. Die Pachtgüter behielten dagegen über Jahrhunderte ihre Größe, da die Eigentümer – oft Klöster wie Meer oder seltener Adelsfamilien – nur einen Nachkommen als Pächter akzeptierten.

Wohnen im Denkmal: So schön sieht es heute in der alten Bockstation in Osterath aus. Foto: RP/Anke Kronemeyer

Milch war aber für alle ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel, das zur Zubereitung von Speisen – etwa der täglich verzehrten Getreidegrütze – und natürlich zum Ernähren der oft zahlreichen Nachkommenschaft diente. Wenn die Muttermilch nicht mehr ausreichte oder für ein kleineres Geschwisterchen gebraucht wurde, versiegte für ältere Kinder diese Nahrungsquelle schnell. Und acht Kinder und mehr konnten schnell in einem Haushalt leben, egal ob die Eltern arm oder reich waren.

Die meisten einfachen Leute konnten sich allerdings zur Milchgewinnung nur eine Ziege leisten, die nicht viel Platz benötigte und zudem weniger Nahrung als eine Kuh verschlang. Damit die aber Milch gab, musste sie regelmäßig gedeckt werden. Ein Ziegenbock war allerdings - außer in dieser Hinsicht - eher unproduktiv und damit für viele zu kostspielig. Daher war es seit dem Mittelalter üblich, dass bestimmte Höfe das so genannte Zielvieh halten mussten.

In Lank zum Beispiel war dies für die Kühe ein Bulle, der etwa auf dem Fronhof des Stiftes Kaiserswerth gehalten und von den übrigen Pächtern gegen ein Entgelt genutzt werden konnte. Der Fronhof war wegen seiner Größe und der bevorrechtigten Stellung innerhalb der Pächtergemeinschaft zu diesem Dienst verpflichtet. Bei den Ziegen war es anders. Hierzu war kein besonders großer Hof notwendig, aber einer pro Dorf reichte. In Osterath und Bösinghoven sind diese „Bockstationen“ noch erhalten. Meist waren es recht einfache Anwesen, deren Inhaber mit dem Dienst an der Dorfgemeinschaft etwas hinzu verdienten.

In Osterath ist die Bockstation an der Goethestraße ein malerisches, rund 300 Jahre altes Fachwerkgebäude mit tief herabgezogenem Dach und einem alten Brunnen davor. 1965 wurde es von Grund auf aber liebevoll neu aufgebaut und dient bis heute als Wohnhaus mit altem Charme.Seit 1984 ist es in die Denkmalliste eingetragen. In Bösinghoven ist es eine kleine Bauernkate, ebenfalls aus Fachwerk, in deren Stallung der Geisbock der Gemeinde gehalten wurde. Das kleine Häuschen zeigt bis heute, dass die Erbauer sicher nicht reich waren. Umso erstaunlicher ist, dass auch dieses Gebäude bis heute erhalten ist.

Während die Kleinbauern ihre Ziegen alljährlich auf den Stationen decken ließen, wanderte der Nachwuchs regelmäßig in den Kochtopf, denn eine zweite Ziege wäre für die meisten Leute purer Luxus und schwer zu ernähren gewesen. Erst wenn das eigene Tier in die Jahre gekommen war, durfte ein kleines Geislein heranwachsen und bald die Stelle der Mutter einnehmen – die dann an dessen Stelle auf dem Teller landete.