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Historisches Meerbusch: So erging es den Dienstboten auf dem Land

Serie Meerbusch historisch : Kaum Rechte für Dienstboten auf dem Land

Im 18. Jahrhundert lebten die weitaus meisten Menschen von der Landwirtschaft. Die wenigsten von ihnen durften sich allerdings Bauern nennen. Der Großteil waren Tagelöhner, Knechte und Mägde.

Im Gebiet des heutigen Meerbusch lebten vor 1800 rund 98 Prozent der Menschen von der heimischen Scholle und selbst der Rest – vom Pfarrer über Handwerker bis hin zu Wirten – hatte seinen Ackerbau nebenher. Die meisten Menschen waren aber Tagelöhner oder arbeiteten als Knechte und Mägde auf einem der vielen Höfe. Die größten davon waren übrigens nicht etwa freies Eigentum der Bauern, sondern die Pachthöfe von etlichen Klöstern oder wenigen Adligen.

Über das Leben der Knechte und Mägde sind wir oft nur im Allgemeinen unterrichtet. Natürlich versorgten sie das Vieh, beackerten die Felder und waren für alles in und auf dem Haus, Hof und Feld zuständig, was ihnen der Bauer oder die Bauersfrau eben auftrug. Die allermeisten lebten auf den Höfen ihrer Arbeitgeber in kleinen Kammern über den Stallungen oder im Haus. Viele blieben unverheiratet, denn meist konnten Knechte keine Familie ernähren. Und die Mägde mussten mit der Heirat in der Regel ihre Stellung aufgeben.

Nach 1700 begannen die Dienstboten sich allerdings zunehmend Freiheiten herauszunehmen, die ihnen offenbar ein gewisser Personalmangel bot. Das wollten die Herrschaften natürlich gern unterbinden. Im kurkölnischen Amt Linn, zu dem das heutige Meerbusch damals gehörte, geschah dies am 13. Juni 1726 durch eine vom Linner Gericht erlassene „Verordnung wegen deren Dienstbotten“, die einen seltenen Einblick in die Regeln, nach denen das Zusammenleben ablief, bietet. Im Vorfeld waren offensichtlich zunehmend „übermüthgige[ Wiedersetzlichkeiten“ der Dienstboten vorgekommen, was den Amtsverwalter und Schultheißen Franz Anton Erlenwein veranlasste, in der Sache tätig zu werden. Die Klagen richteten sich vor allem dagegen, dass die Dienstboten „ohne die geringste erhebliche Ursachen auß ihren Diensten lauffen, anderwertlich sich aufhalten, zu anderen in Diensten begeben, sich vor behörender Zeit gegen alles Herbringen vermiethen oder verleithen laßen“. Man hatte also festgestellt, dass die Menschen begannen, sich den attraktivsten Arbeitgeber, also meist den am besten zahlenden zu suchen. Dies wiederum war den ländlichen Arbeitgebern natürlich ein Dorn im Auge, weil so die Preise anstiegen. Dabei musste es nicht unbedingt um die Lohnsumme gehen, sondern auch um die allgemeine Versorgung mit Nahrung, Kleidung und gegebenenfalls spielten auch Gesundheitsleistungen eine Rolle. Durchaus mögen auch die Arbeitszeit und die allgemeine Behandlung den Ausschlag gegeben haben.

 So idyllisch wie um 1950 auf dem Ismerhof in Ilverich ging es in der Landwirtschaft selten zu. Wer hier lebte, musste in alten Zeiten auch mit anpacken.
So idyllisch wie um 1950 auf dem Ismerhof in Ilverich ging es in der Landwirtschaft selten zu. Wer hier lebte, musste in alten Zeiten auch mit anpacken. Foto: Stadtarchiv Meerbusch/Repro Mike Kunze/Stadtarchiv Meerbusch

Künftig war es deshalb bei Strafe verboten, neue Arbeitsverhältnisse vor dem seit alters üblichen Termin zu St. Jacob abzuschließen. Das galt übrigens für beide Seiten. Auch wurde den Bauern verboten, Dienstleute mit höherem Lohn aus bestehenden Kontrakten zu locken. Die Dienstboten wiederum sollten „die bestimbte Zeit trew, ehrlich undt fleissig […] undt wie es sich gebühret […] verhalten, den Dienst nicht ohne wichtige erhebliche Ursach“ quittieren.

Auch sollten die Dienstboten künftig drei Monate vor Auslaufen ihres (Jahres-)Vertrags ihre Herrschaft fragen, ob diese sie weiterbeschäftigen wolle. Zuvor durften sie sich auch keine andere Stelle suchen. Die Arbeitgeber hingegen konnten ihre Dienstleute entlassen, mussten nun allerdings auch den vereinbarten Lohn ohne zu murren auszahlen. Die wohl wichtigste Bestimmung war aber das Sonderkündigungsrecht, das ausschließlich den Herrschaften zustand, wenn sie dazu „durch die unerträgliche Halßstarrigkeit, Muthwill undt Ungehorsamb vorgemelter Dienstbotten gezwungen würden“. Dann allerdings waren sie künftig auch verpflichtet, Knecht oder Magd beim Linner Gericht anzuzeigen, damit die Obrigkeit eine angemessene Geldstrafe über den „Dienstbotten der begangener Wiedersetzlichkeit“ wegen verhängen konnte.

 Man sieht, dass die „Obrigkeit“ eindeutig die Arbeitgeberseite bevorzugte und die „einfachen Leute“ – die übrigens wie Kinder dem häuslichen Bestimmungsrecht des Familienoberhauptes unterstanden – benachteiligte, um diese letztlich unter Kontrolle zu halten. Damit dies auch gelingen konnte, wurde die Verordnung vom 13. Juni 1726 in allen Kirchen des Amtes in den Gottesdiensten mehrfach von der Kanzel herab verlesen, sodass auch wirklich jeder die neuen Bestimmungen kannte. Denn die Gegend war zu nahezu hundert Prozent katholisch und damals auch Kirchgänger – nur der eine oder andere Adlige war Protestant.