Meerbusch Hindenburg: Der Totengräber der Demokratie

Meerbusch · Etwa 150 Bürger verfolgten die Diskussion um die Umbenennung der Hindenburgstraße in Büderich. Professor Christoph Nonn schilderte den Lebensweg des Reichspräsidenten, der sich schon 1925 offen gegen die Weimarer Verfassung bekannte.

 Christian Nonn erklärte den Bürgern Leben und Wirken Hindenburgs. Eine Empfehlung zur Umbenennung gab der Professor für Neueste Geschichte allerdings nicht.

Christian Nonn erklärte den Bürgern Leben und Wirken Hindenburgs. Eine Empfehlung zur Umbenennung gab der Professor für Neueste Geschichte allerdings nicht.

Foto: Ulli Dackweiler

Eigentlich hätte Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg in den Geschichtsbüchern gar keine große Rolle spielen sollen. Bereits im Jahr 1911 wurde der damalige Kommandierende General in den Ruhestand versetzt. Zuvor verlieh man dem 63-jährigen Hindenburg noch den Schwarzen Adlerorden. Als Pensionär zog er in die Villa Köhler nach Hannover. Ein ruhiger Lebensabend?

 Die Hindenburgstraße in Büderich. Erst nach den Wahlen wird der Rat eine Entscheidung treffen

Die Hindenburgstraße in Büderich. Erst nach den Wahlen wird der Rat eine Entscheidung treffen

Foto: Boris Schmidt

"Als der Erste Weltkrieg ausbrach, änderte sich Hindenburgs Leben dramatisch", sagte Christoph Nonn. Der Professor für Neueste Deutsche Geschichte war am Mittwochabend im Mataré-Gymnasium zu Gast. Mehr als eine Stunde referierte er anschaulich und spannend über das Leben Hindenburgs. Anlass war der seit Monaten schwelende Streit um eine mögliche Umbenennung der Hindenburgstraße in Büderich. Bevor sich die Politiker endgültig entscheiden wollten, erhofften sie sich sachkundige Aufklärung durch einen Experten.

Das sagt der Experte: Hindenburg wurde 1914 Oberbefehlshaber der 8. Armee. "Er bestand aber auf seinen regelmäßigen Mittagsschlaf", sagte Nonn. Wirklich an der Front und aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt war Hindenburg nicht. Seine Aufgabe bestand eher in der politischen Deutung der Kriegsereignisse. So war es seine Idee, die Schlacht südlich von Allenstein in "Schlacht von Tannenberg" umzudeuten. "Das waren ganz klare Propaganda-Zwecke. Tannenberg war gar nicht direkt betroffen", sagte Nonn. Hindenburgs Ziel: Eine historische Niederlage bei Tannenberg aus dem Jahr 1410 in der Geschichtsschreibung überstrahlen. 1916 übernahm er die Oberste Heeresleitung. Als der Krieg so gut wie verloren war, riet er noch zum Weiterkämpfen, so Nonn. Aktiv beteiligt war Hindenburg auch an der Dolchstoßlegende, nachdem der Krieg nicht an der Front, sondern durch mangelnde Unterstützung aus der Heimat verloren wurde. Nach dem Krieg zog sich Hindenburg erneut in den Ruhestand zurück. Überraschend wurde er 1925 Reichspräsident, das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das je vom Volk direkt gewählt wurde.

"Offiziell sprach er von Verfassungstreue", sagte Nonn. Doch hinter den Kulissen habe er in Gesprächen formuliert, dass die Weimarer Demokratie "kein Dogma" sei und etappenweise abgebaut werden sollte, so Nonn. Fünf Jahre lang hörte kaum jemand auf Hindenburg, denn als Reichspräsident hatte er eine schwache Position. So lange sich Mehrheiten im Parlament fanden, durfte er kaum eingreifen. Das änderte sich 1930. Immer häufiger wechselten die Regierungen und Mehrheiten. Hindenburg konnte mit Hilfe der Notstandsgesetze regieren. Sein Wunsch, auch Parteien vom deutsch-nationalen Rand mit in die Regierung einzubeziehen, wurde immer größer. Nonn sprach von Parteien, die am "rechten Rand ganz weit rechts stehen".

Ende 1932/Anfang 1933 war man an einem Scheideweg. Am 30. Januar 1933 ernannte er Adolf Hitler zum Reichskanzler. "Hindenburg hätte mehrere Möglichkeiten gehabt — zumal die NSDAP von den Wahlergebnissen schon auf einem absteigenden Ast war", sagte Nonn. "Die NS-Diktatur wäre uns erspart geblieben", so Nonn.

Statt dessen habe Hindenburg betont, Hitler mache Politik in seinem Sinne der "nationalen Einheit". Wenig später löste er den Reichstag auf, mit dem Ermächtigungsgesetz wurde das Parlament überflüssig. Nonn nannte Hindenburg einen "Totengräber der Demokratie". Eine Empfehlung — ob Umbenennung Ja oder Nein — gab Nonn allerdings nicht ab.

Das sagen die Antragsteller: "Hindenburg ist kein Vorbild, deshalb darf er nicht mehr auf einem Straßennamen erscheinen", sagte Christian Thieme, der mit einem Bürgerantrag im Hauptausschuss die ganze Diskussion ins Rollen brachte. Er habe für eine Verlängerung des Ersten Weltkriegs gesorgt und sei so "zum Massenmörder Hunderttausender Soldaten" geworden. Thieme erinnerte daran, dass der Büdericher Gemeinderat bereit 1947 den Auftrag der Alliierten hatten, die Straße umzubenennen. Doch der Gemeinderat verweigerte die Umbenennung. Überliefert sind die Worte eines Ratsherrn, der die Ergebnisse "objektiver Geschichtsforschung" abwarten wolle. "So weit sind wir ja wohl jetzt", sagte Thieme.

Anwohner Götz Euler erneuerte seinen Vorschlag, unterhalb des Straßenschilds eine Extra-Tafel anzubringen. Darauf sollten neben der Schlacht von Tannenberg auch zu lesen sein: "Folgenschwere Ernennung Hitlers zum Reichskanzler". Man könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Den Namen der Straße einfach zu löschen, sei für ihn aber keine "Aufarbeitung der Geschichte", so Euler. So vermeide man auch langwierige juristische Auseinandersetzungen, falls der Name doch geändert werden sollte.

Das sagen Politiker und Bürger:

Für das Zusatzschild sprach sich auch Werner Damblon (CDU) aus, der sich erstmals öffentlich in die Diskussion einmischte. Seiner Ansicht nach, könne man nach mehr als 80 Jahren nicht mehr von einer Ehrung der Person Hindenburgs sprechen. Der Straßenname Hindenburg sollte als Mahnung, als Erinnerung erhalten bleiben, so Damblon. Otto Lindner, der mit Familie im Meerer Busch lebt, schlug eine größere, gut sichtbare Gedenktafel mit noch mehr Info über Hindenburg vor. Die müsste auch nicht die Stadt bezahlen, es würden sich schon Anwohner finden, die das stemmen könnten.

Ganz klar für eine Umbenennung der Hindenburgstraße war Heidemarie Niegeloh (SPD). "Jeder, der umzieht, muss sich an eine neue Adresse gewöhnen und sie seiner Umgebung mitteilen", so Niegeloh. das sei doch gar kein Problem. Ebenfalls für eine Umbenennung sind die Meerbuscher Grünen. Jürgen Peters bedankte sich bei Thieme, dass er die Diskussion ins Rollen brachte.

Klaus Rettig (FDP) erinnert daran, dass damals Straßennamen in zwei verschiedenen Etappen nach Hindenburg genannt wurden. Einmal nach dem Ersten Weltkrieg, dann nach 1933. In Meerbusch sei die Straße erst 1933 so genannt worden. Christian Staudinger-Napp von der UWG schlug eine Bürgerabstimmung bei der kommenden Kommunalwahl vor. Neben den Wahlzetteln könnte man auch die Bürger über den Namen der Hindenburgstraße entscheiden lassen.

(RP)
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