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Meerbusch: Geschichten aus düsterer Zeit

Meerbusch : Geschichten aus düsterer Zeit

Die Ergebnisse einer Befragung von 24 heute in Meerbusch wohnenden Heimatvertriebenen durch Schüler des Meerbusch-Gymnasiums sind als 52 Seiten starke Sonderausgabe des Lanker "Dä Bott" erschienen.

Das Thema Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen nach dem Krieg nimmt im gekürzten Geschichtsunterricht der Generation "Turbo-Abi" nur wenig Raum ein. Und die Zeugen dieser "Völkerwanderung", die die Gesellschaft der Bundesrepublik (und des Niederrheins) entscheidend prägte, sterben langsam aus.

Die Erfahrungen von 24 Vertriebenen, die in Lank-Latum, Bösinghoven und Strümp eine neue Heimat gefunden haben, werden nicht verloren gehen. Der Heimatkreis Lank hat ihre Berichte jetzt in einer Sonderausgabe des Lanker "Dä Bott" veröffentlicht.

Der Historiker Dr. Peter Dohms und Georg Neuhausen (Heimatkreis) wollten dem schleichenden Vergessen nicht tatenlos zusehen: Sie hatten die Idee zu einem Projekt, bei dem Schüler Vertriebene interviewen und so auch erste Einblicke in die Arbeitsweise von Historikern gewinnen sollten. Auf großes Interesse stieß der Einfall bei Jürgen Hengst, Lehrer am Meerbusch-Gymnasium. Auch der Heimatkreis sagte Unterstützung zu.

Dohms und Neuhausen fragten bei Vertriebenen an, ob sie bereit wären, den damals 15-jährigen Gymnasiasten Interviews zu geben. "Wir haben gedacht, dass Jugendliche eher an die älteren Zeitzeugen herankommen als Erwachsene", so die Initiatoren — und sie lagen damit richtig. "Die Leute waren sehr nett und aufgeschlossen", erinnert sich Schüler René Rökendt.

Psychische Hemmnisse

"Es galt mancherlei psychische Hemmnisse zu überwinden. Manche hatten das Geschehen aus ihrem Gedächtnis regelrecht verdrängt", so Dohms. Schließlich war es eine Zeit, in der Erschießungen, Vergewaltigungen und andere traumatische Erlebnisse an der Tagesordnung waren. Starker Tobak für die jungen Frager, die in Teams von zwei bis drei Schülern zuhörten und mitschrieben. Die Protokolle lasen Dohms und Neuhausen dann den Interviewten vor und fügten noch einige (Dohms: "nur sehr wenige") Korrekturen ein.

Heimatkreis-Vorsitzender Franz-Josef Radmacher betonte, wie gut die Integration der (überwiegend protestantischen) Vertriebenen im damals weitgehend katholischen Amt Lank funktioniert habe. Die Vertriebenen gliederten sich nicht nur ein, sie brachten auch ihre Bräuche mit: Beispielsweise organisierten sie viele Jahre lang fröhliche Erntedankfeste, ein Brauch der am Niederrhein in Vergessenheit geraten war.

Ein Beispiel für die Teilnahme der Vertriebenen-Generation am politischen Leben ist Siegfried Lau. Der gebürtige Königsberger war als 13-Jähriger im Februar 1945 per Schiff aus dem abgeschnittenen Ostpreußen entkommen. Seine Mutter starb auf der Flucht durch einen Tieffliegerangriff. Heute in Lank-Latum heimisch, saß Lau von 1964 bis 2004 für die SPD im Gemeinde-/Stadtrat.

(RP)