Ein Meerbuscher gehört zu den wenigen Männern mit Brustkrebs

Meerbuscher kämpfte gegen Krankheit : Diagnose: Brustkrebs

Der Meerbuscher Architekt Wolfgang Stöbe gehört zu den 600 bis 700 Männern, die in Deutschland jedes Jahr am sogenannten „Frauenkrebs“ erkranken. Heute engagiert er sich in einem Netzwerk, das Männer aufklären will.

Plötzlich war da ein Knubbel in Wolfgang Stöbes Brust. Der 67-Jährige konnte ihn deutlich fühlen. Und der Knubbel irritierte ihn. „Du gehst am besten mal zum Frauenarzt“, sagte seine Frau mehr im Scherz. Auch Stöbe machte sich zunächst keine großen Sorgen. Eher beiläufig sprach der Meerbuscher Architekt, dessen Büro auf Projekte im Gesundheitswesen spezialisiert ist, bei einem Termin im Ruhrgebiet einen Chirurgen darauf an. Und landete umgehend beim Gynäkologen. „Das sieht überhaupt nicht gut aus“, sagte der. Sonografie, Gewebeprobe – und das niederschmetternde Ergebnis:  Brustkrebs.

Stöbe gehörte damit zu den 600 bis 700 Männern, die in Deutschland pro Jahr mit dieser Diagnose konfrontiert werden. Eine kleine Zahl gegenüber 70.000 Neuerkrankungen bei Frauen, aber für jeden Einzelnen blanker Horror und Fassungslosigkeit. „Es kam mir wie mein Todesurteil vor“, erinnert sich Stöbe, der noch nicht allzu lange von seinem Prostata-Krebs genesen war. Diesmal hatte es ihn hart erwischt. Nach der Entnahme des fünfeinhalb Zentimeter großen Karzinoms und dem histolgischen Befund stellte sich heraus, dass auch einige Lymphknoten befallen waren. „Alle zwei Wochen bekam ich eine intensive Chemotherapie, insgesamt elf Mal“, erzählt er. „Dazwischen habe ich gearbeitet.“

Auf die Chemotherapie folgte eine Serie von Bestrahlungen. Wie hat er diese Belastungen überstanden? „Ich versuchte, meine Psyche zu stärken und mir zu sagen, diesen Krebs wirst du besiegen, der kriegt dich nicht unter“, sagt er und fügt hinzu: „Männer haben es bei Brustkrebs etwas leichter, sie leiden nicht unter denselben Ängsten wie Frauen, die den Verlust ihrer Weiblichkeit fürchten.“

Das alles ist jetzt sechs Jahre her. Wolfgang Stöbe geht es wieder gut. Er treibt Sport, hält sich fit und genießt es, mit voller Kraft seinem Beruf nachzugehen. Dennoch hat sich sein Leben nach der Krankheit verändert. „Ich bin egoistischer geworden, gehe bewusster mit meinem Körper um. Dabei hilft mir Yoga. Die Übungen tun mir wohl, man hört in sich hinein und nimmt sich wahr.“ Der Krebs hat ihn sensibilisiert, für sich und für andere. Er engagiert sich im bundesweiten Netzwerk „Brustkrebs beim Mann“ (www.brustkrebs-beim-mann.de) und ermutigt seine Geschlechtsgenossen, zur Vorsorge zu gehen.

„Vor allem sollten sie wachsam sein, wenn sie etwas Merkwürdiges spüren. Es kam schon vor, dass Ärzte ein Karzinom für eine harmlose Entzündung hielten. Man muss darauf bestehen, dass die Untersuchung gründlich durchgeführt wird. Ist der Krebs aggressiv und wird nicht rechtzeitig erkannt, schreitet er schnell fort.“ Seinen Brustkrebs hat er nie verschwiegen. „Ich bin jemand, der offen über alles redet. Manche werden dann still, andere ziehen sich zurück. Die meisten können mit der Krankheit nicht gut umgehen.“

Das größte Problem aber ist die rechtzeitige Früherkennung. Weil die Brustkrebsfälle bei Männern so selten sind, kommen viele Ärzte überhaupt nicht auf eine entsprechende Diagnose, sagt Peter Jurmeister, Vorstandsvorsitzender des Vereins „Brustkrebs beim Mann“ und selbst von der Krankheit betroffen. „Ein Urologe zum Beispiel kümmert sich um die Prostata-Vorsorge, fühlt sich aber für die Brust nicht zuständig“, erklärt Jurmeister. Heißt: Männer, die auf ihre Gesundheit achten, sollten ihre Brust ab und an abtasten und im Zweifel einen Arzt auf die Problematik hinweisen.

Grundsätzlich besitzen Männer genau wie Frauen Brustdrüsengewebe, nur deutlich weniger, und das ist für Krebs anfällig. Bei einer Operation wird meist der gesamte Brustdrüsenkörper samt Brustwarze entfernt. „Brusterhaltende Operationen bei Männern gibt es auch“, sagt Jurmeister, „das ist aber oft schwierig.“ Es bleibt auf jeden Fall eine lange Narbe, die viele Männer davor zurückscheuen lässt, ins Schwimmbad oder an den Strand zu gehen und dort ihren Oberkörper zu entblößen. Wird der Krebs frühzeitig entfernt, sind die Heilungschancen gut. Wenn auch die Fünf-Jahres- und Zehn-Jahres-Überlebensraten schlechter seien als bei Frauen – dies liege aber wohl, sagt Jurmeister, am deutlich schlechteren Früherkennungssystem bei Männern.

Deshalb setzt sich der Verein auch dafür ein, das Thema Brustkrebs beim Mann einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Viele Ärzte würden männliche Patienten mit dem Krankheitsbild immer noch als Exoten betrachten, beklagt Jurmeister. „Das ist aber eine ganz normale Krankheit“, sagt er. „Die Sensibilität dafür muss noch deutlich steigen.“

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