Meerbusch: Deutschlands nobelstes Büdchen

Meerbusch: Deutschlands nobelstes Büdchen

Es sieht ein bisschen aus wie ein historischer Straßenbahnwagen. Wer die Moerser Straße entlangfährt, kann es kurz vor der Bahnschranke im nördlichen Büderich kaum verfehlen: das "Champagnerbüdchen".

Die Schriftzüge "Caviar" und "Moët & Chandon" zieren das dunkelgrüne Stahlgehäuse. Direkt vor dem noblen Villenviertel Meererbusch steht es und ist nach wie vor ein Blickfang für viele Autofahrer.

Unter den am meisten fotografierten Orten der Stadt könnte es sicherlich eine Spitzenposition einnehmen. Inhaber Reza Milani ist es schon gewohnt, dass Durchreisende die Kamera zücken.

Nachdem jahrzehntelang — seit 1951 — die Familie Spie die Geschäfte führte, wechselte das Kultbüdchen in der jüngeren Vergangenheit häufiger den Besitzer. Unter der Regie von Reza Milani hat sich auch das Konzept geändert und mittlerweile in der Nachbarschaft etabliert. Er will wieder weg vom Schickimicki-Image und statt dessen etwas für alle bieten.

Auf die Frage, wer denn bei ihm einkaufe, gibt er gern ein Schmunzeln zur Antwort. "Man muss diskret sein", sagt er. Ohnehin kämen die Prominenten und gut Betuchten, die in der Gegend ihre Anwesen haben, selten selbst zum Kiosk, sondern schickten lieber ihre Angestellten. Was die meisten kaufen? "Zeitschriften, die liefern wir auch selbst aus", sagt Milani. "Und ganz normale Sachen." Wölli, ehemaliger Tote-Hosen-Schlagzeuger, habe dem Kiosk auch schon mal einen Besuch abgestattet.

Milani hatte vorher bei der "Steege am Deutschen Eck" gearbeitet. Das Büdchen kannte er vom vorbeifahren, fasziniert hat es ihn schon lange. "Das ist eine Liebhaberei, wie mit Oldtimern", erklärt der Eigentümer seine Begeisterung. Vor zwei Jahren übernahm er den Kiosk. "Es stellte sich heraus, dass er einem Bekannten gehörte", erinnert sich Milani. Nach längerem Überreden habe er ihn ihm schließlich abkaufen können. "Geht nicht, gibt's nicht" ist auch sein Motto für den Kiosk. Und so mutet das knapp vier Quadratmeter große Stahlkonstrukt mittlerweile eher bodenständig als abgehoben an. Das Klappschild mit der Aufschrift "Bockwurst" auf dem Gehweg sieht man schon von weitem. "Hier kommen auch viele Handwerker vorbei, denen muss man auch was bieten", sagt der 44-Jährige. Frikadellenbrötchen und "Kaffee to go" gehen bei ihm besser als Champagner und Kaviar. Auf Bestellung besorgt er die kostspieligen Störeier allerdings immer noch; russischer und persischer Kaviar sind im Angebot. Einen "Heidsieck" hat er kalt gestellt.

Und eine weitere Zunft stattet dem Büdchen seit geraumer Zeit häufiger einen Besuch ab: Journalisten und Kamerateams. Ein Reporter hätte alle Kunden gefragt: "Sind Sie denn Millionär?". Milani hat eine andere Lebensphilosophie kultiviert: "Geld macht sowieso nicht glücklich."

(RP/ac/ila)
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