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Schiedsrichter in Meerbusch: Das Lob des Unterlegenen als Ansporn

Schiedsrichter in Meerbusch : Das Lob des Unterlegenen als Ansporn

Seit mehr als 40 Jahren ist Heiner Linßen Schiedsrichter bei Amateur-Fußballspielen. Nicht immer wurde ihm dabei der nötige Respekt entgegengebracht. Trotzdem geht er seinem Hobby mit großer Leidenschaft nach.

Ein Leben ohne Fußball? Für Heiner Linßen undenkbar. Mindestens einmal pro Woche steht der 58-Jährige auf dem Platz. Doch nicht als Spieler, seine Leidenschaft ist das Pfeifen: Weit mehr als 1.200 Begegnungen hat der Bösinghovener in seinem Leben bereits geleitet. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. „Mir macht es nach wie vor riesigen Spaß, und die Bewegung hält mich fit“, sagt Linßen.

Seit nunmehr 42 Jahren sorgt er an jedem Wochenende auf dem Platz für Ordnung. Alles fing mit einer schweren Verletzung an. Als kleiner Junge kickte Linßen selbst beim Nachwuchs des TuS Bösinghoven. Doch in der B-Jugend erlitt er einen Schienbeinbruch und fiel monatelang aus. Johannes Peters, heutiger Vorsitzender des TSV Meerbusch, pfiff zur damaligen Zeit in der Landesliga. „Er hat mich gefragt, ob ich es auch mal ausprobieren möchte“, erinnert sich Linßen. Ihm habe es auf Anhieb Freude bereitet, deshalb sei er sofort dabei geblieben.

Gefördert vom inzwischen verstorbenen Schiedsrichterobmann Gustav Müller nahm Linßens eigene Karriere einen rasanten Verlauf bis hoch in die Landesliga, als Linienrichter sogar bis in die Oberliga. Im Fußballverband Niederrhein wurde Linßen für seine klare Linie geschätzt. „In der Anfangsphase habe ich die Spieler meist lieber erst einmal an der kurzen Leine gelassen und etwas kleinlicher gepfiffen, damit sich die Begegnung gar nicht erst in die falsche Richtung entwickeln kann“, erklärt Linßen. Der Respekt war ihm als Referee gewiss – auch wenn er bei dem einen oder anderen Pfiff daneben lag. „Kein Schiedsrichter ist vor Fehlentscheidungen gefeit“, berichtet Linßen. Seien diese völlig offensichtlich gewesen, hätte er sich am liebsten auf dem Platz eingebuddelt. „Aber da muss man dann durch. Man kann sich nur entschuldigen und dann das Spiel mit der richtigen Entscheidung fortsetzen.“

Der größte Einschnitt in seiner Schiedsrichterlaufbahn ereilte Linßen mit 45 Jahren. Von da an durfte er aufgrund der bestehenden Altersgrenze nur noch Spiele abwärts der Bezirksliga pfeifen. „Das war damals ein Schock für mich“, berichtet Linßen. In den unteren Ligen des Fußballkreises Kempen/Krefeld war Linßen ein unbeschriebenes Blatt. „Kein Mensch kannte mich – und in den unteren Spielklassen braucht es eine ganz andere, viel kleinlichere Art, Spiele zu leiten. Darauf musste ich mich erst einmal einstellen“, so Linßen.

Zudem nahm der Respekt vor ihm zunehmend ab. Von Pöbeleien und Beleidigungen ließ sich Linßen zunächst noch nicht vom Weg abbringen. Doch 2003 wurde er bei einem Spitzenspiel in der Kreisliga A erstmals auch körperlich angegriffen. In der Halbzeit wurde er von aufgebrachten Heim-Anhängern verfolgt. Linßen eilte im Laufschritt in die Kabine, wo er ausrutschte. Auf dem Rücken liegend traten mehrere Personen auf ihn ein. Trotz dieses Vorfalls machte Linßen nach einer zweimonatigen Pause weiter. „Ich wollte mir von solchen Leuten nicht mein Hobby wegnehmen lassen“, sagt Linßen.

Doch nur drei Jahre später wurde er auf dem Fußballplatz erneut tätlich angegriffen. Von einem Torwart der Gäste-Mannschaft wurde er mehrfach geschubst und gestoßen. Seit diesem Tag leitet Linßen keine Spiele im Seniorenbereich mehr.

„Die Gewalt gegenüber den Unparteiischen hat im Laufe der Zeit drastisch zugenommen“, meint Linßen. Das sei auch der Hauptgrund für den Schiedsrichtermangel bei Fußballspielen in den unteren Ligen. „Wir haben enorme Schwierigkeiten, den Nachwuchs für diese Thematik zu begeistern“, klagt Linßen, der in der Fußballabteilung des TSV Meerbusch Ansprechpartner rund ums Thema Schiedsrichter ist. Diese Entwicklung sei schade, weil ihm selbst als junger Mensch das Pfeifen enorm zu seiner eigenen Entwicklung beigetragen habe. „Auf dem Platz muss man immer Konflikte lösen und Entscheidungen treffen. Der Umgang mit diesen Situationen schult einen für das Leben“, sagt Linßen. Daher könne er es jedem nur empfehlen, es einmal als Schiedsrichter zu versuchen

Seit zwölf Jahren leitet Linßen mittlerweile nur noch Spiele im Juniorenbereich. Gerade einmal elf Euro plus Fahrtgeld gibt es pro Einsatz. Doch der finanzielle Aspekt sei ohnehin für ihn nie sein Ansporn gewesen. Vielmehr ist es bis heute der Reiz, ein Spiel nahezu fehlerlos über die Bühne zu bringen. Linßen: „Das größte Lob für mich ist, wenn die unterlegene Mannschaft nach dem Abpfiff auf mich zukommt und mir zu meiner guten Leistung gratuliert. Dann bin ich rundherum zufrieden.“