Bürgermeisterin: "Viele Menschen und Firmen zieht es nach Meerbusch"

Was war wichtig in 2018, was wird wichtig in 2019?: „Meerbusch hat eine hohe Lebensqualität“

Zum Jahreswechsel stellt sich Bürgermeisterin Angelika Mielke-Westerlage den Fragen unserer Redaktion.

Meerbusch war in diesem Jahr ganz besonders in den Schlagzeilen…

Angelika Mielke-Westerlage Ja, die Sichtung einer gelben Anakonada am Ufer des Latumer Sees und das Einfangen durch die Feuerwehr haben Meerbusch deutschlandweit in die Medien gebracht. Von Hamburg bis München, Dresden und Aachen sogar in Österreich in den Niederlanden wurde auf einer Vielzahl von Kanälen berichtet.

Genau. So eine Marketing-Aktion kann man sich doch gar nicht ausdenken, oder?

Mielke-Westerlage Nein, es war schon bemerkenswert, welchen Medienhype eine 2,40 Meter lange, an sich harmlose Würgeschlange ausgelöst hat.

Jetzt aber zu den ernsten Themen: Wie bleibt das Jahr 2018 für Sie politisch in Erinnerung? An welche Schlagworte erinnern Sie sich?

Im Gewerbegebiet Bundenrott in Strümp ist nur noch ein Grundstück frei, die Nachfrage aber ist groß. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Mielke-Westerlage Gleich zu Beginn des Jahres ist die sogenannte Eisenbahnkreuzungsvereinbarung für den Bau der Bahnunterführung unterzeichnet worden, ein Projekt, das seit Jahrzehnten diskutiert wurde. 2019 soll der Spatenstich für dieses für Osterath wichtige, 36 Millionen Euro teure Projekt erfolgen.

Welches Bau-Projekt fällt Ihnen noch ein?

Mielke-Westerlage Die Böhlerstraße ist nach 15 Jahren endlich fertiggestellt und führt zu einer erheblichen Entlastung vom Durchgangsverkehr Richtung des Areals Böhler und der Heerdter Landstraße.

Die  Brücke am Latumer See hat die Gremien beschäftigt. Die Verwaltung hatte sich gegen eine Sanierung ausgesprochen. Foto: Georg Salzburg(salz)

Aber nicht nur Straßen, sondern auch Wohnungen und Häuser werden auf den Weg gebracht.

Mielke-Westerlage Der Stadtrat hat vor der Sommerpause mit der Entscheidung über ein Wohnbaulandentwicklungskonzept eine bedeutsame, strategische Entscheidung für die Stadtentwicklung in den nächsten Jahren getroffen. Mit der Umsetzung soll zusätzlicher Wohnraum entstehen, der sich am Bedarf unterschiedlicher Zielgruppen orientiert; zentrumsnaher Wohnraum für ältere Menschen, Single-Wohnungen, preisgünstiger Wohnraum, gemeinschaftliche Wohnformen und Wohnraum für Familien.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Rund um die Ivangsheide soll ein Wohngebiet entstehen. Foto: RP/Anke Kronemeyer

Mielke-Westerlage Im Vorfeld des Konzeptes ist eine Wohnraumbedarfsanalyse erstellt worden, in der der Bedarf der unterschiedlichen Zielgruppen identifiziert wurden. Im weiteren Schritt wurde eine sogenannte Lagebewertung der Siedlungsflächen vorgenommen. Für Familien sollen beispielsweise Flächen in räumlicher Nähe von Kita und Schule und guter ÖPNV-Anbindung entwickelt werden. In der Summe sollen in acht Jahren 13 Flächen mit rund 1160 Wohneinheiten überplant werden.

Wann wird das realisiert?

Mielke-Westerlage Die größte Fläche ist das 35 Hektar große Gebiet „Kamper Hof/Ivangsheide/Kalverdonksweg“ entlang der Bahn, auf dem neue Wohneinheiten sowohl im Geschosswohnungsbau als auch als Einfamilienhausbebauung entstehen sollen. Im ersten Quartal 2019 startet dort ein Wettbewerbsverfahren, bei dem Planungsbüros nach zwischen Politik und Verwaltung erarbeiteten Vorgaben Entwürfe in Form eines städtebaulichen Rahmenplanes für eine Entwicklung des Gebietes erarbeiten sollen. Diese werden dann in einer Planungswerkstatt mit den Bürgerinnen und Bürgern diskutiert. Auf der Basis der Ergebnisse soll dann das konkrete Planungsrecht geschaffen werden.

Welches Gelände ist noch für Wohnbebauung vorgesehen?

Mielke-Westerlage Fortgeführt werden soll das Verfahren für das Areal der ehemaligen Barbara-Gerretz-Schule. Auf dem Gelände sollen wegen seiner Zentrumsnähe überwiegend kleine Wohneinheiten für ältere Mitbürger entstehen. Der Bebauungsplan soll in diesem Jahr beschlossen werden.

Redakteurin Anke Kronemeyer im Gespräch mit Angelika Mielke-Westerlage Foto: RP/Stadt Meerbusch

Ist denn der Druck auf Wohnungen bzw. Häuser in Meerbusch wirklich so groß?

Mielke-Westerlage Für den Verkauf von zwei städtischen Flächen an Selbstnutzer hatten wir im vergangenen Jahr jeweils mehr als 50 Bewerbungen. Wöchentlich findet mindestens ein Termin mit einem Projektentwickler statt, der in Meerbusch bauen will. Meerbusch ist ein begehrter Wohnstandort. Die einheitliche Aussage von Investoren ist, dass Flächen bzw. Objekte trotz der hohen Immobilienpreise innerhalb von drei Wochen verkauft sind. Nur 30 Kilometer weiter sieht das ganz anders aus.

Was glauben Sie: Warum genau wollen die Menschen in die Stadt ziehen? Ist es die Nähe zu Düsseldorf oder das Gefühl von „heiler Welt“?

Mielke-Westerlage Durch unsere Lage profitieren wir natürlich von den Vorteilen der Landeshauptstadt. Täglich pendeln 11.000 Meerbuscher nach Düsseldorf, um dort zu arbeiten. Wir profitieren von der Funktion Düsseldorfs als Oberzentrum, sei es im kulturellen Bereich oder als Einkaufsstadt, die schnell zu erreichen ist. Wir haben in Meerbusch eine hohe Wohn- und Lebensqualität, eine Bevölkerung, der es überwiegend wirtschaftlich gut geht, ein reges Vereinsleben, Brauchtums- und Kulturangebote, geringe Arbeitslosenzahlen, keine Problemviertel. Unsere Kitas, Schulen und Sportanlagen sind, wenn man von einzelnen behebbaren Mängeln absieht, in einem guten Zustand, wir sind näher am Bürger, als in einer Stadt von fast 700.000 Einwohnern. Gerade junge Familien ziehen nach Meerbusch oder kommen zurück, was uns freut.

Anderes Thema: Wie sieht es mit der Entwicklung von Gewerbeflächen aus, Meerbusch verfügt doch kaum mehr über Grundstücke?

Mielke-Westerlage Das ist richtig, die Stadt hat noch eine Fläche im Gewerbegebiet „Bundenrott“ in Strümp und zwei Flächen im Buisiness-Park Mollsfeld. Für die Fläche in Strümp liegen uns zahlreiche Bewerbungen vor. Das zeigt auch, dass wir einen dringenden Bedarf haben, weitere Flächen für gewerbliche Flächen zu entwickeln. Der Regionalplan für den Bezirk Düsseldorf weist dafür eine in der Summe 80 Quadratmeter große Fläche südlich und nördlich der A 44 aus, die gemeinsam mit der Stadt Krefeld entwickelt werden soll. Für Anfang des Jahres ist ein Arbeitsgespräch mit der Krefelder Verwaltung geplant, in dem die Eckpunkte besprochen werden sollen.

Ein Streitpunkt in der Politik war im vergangenen Jahr die Brücke am Latumer See: Was halten Sie davon, dass diese Brücke nicht saniert wird?

Mielke-Westerlage Die Brücke ist funktionslos, wegen der hohen Kosten hatten wir uns verwaltungsseitig von Beginn an gegen eine Sanierung ausgesprochen. Eine im Diskussionsprozess beauftragte Schadensanalyse ist dann zu dem Ergebnis gelangt, dass die Sanierung wirtschaftlich unsinnig ist und von daher nur ein Neubau in Betracht käme. 180.000 Euro für einen aus Steuermitteln finanzierten Neubau stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Insofern halte ich es für richtig, dass sich die Politik entschieden hat, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.

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Noch ein Streitpunkt war der Ausbau des Forum Wasserturm. Wie stehen Sie dazu?

Mielke-Westerlage Auch bei diesem Projekt hatten wir verwaltungsseitig aus Kostengründen – wir liegen jetzt bei 690.000 Euro – von einer Realisierung abgeraten. Gleichwohl wird der geplante Ausbau zu einer deutlichen Verbesserung der Eingangssituation und Aufenthaltsqualität für die Besucher führen. Ich hoffe, dass wir vom Bund Zuschussmittel erhalten und sich dadurch der städtische Anteil reduziert.

Folgt dann auch der Innenbausbau?

Mielke-Westerlage Der kann sich dann theoretisch anschließen.

Dauerbrenner Konverter – wie ist der aktuelle Stand?

Mielke-Westerlage Seit der Veröffentlichung des Standortgutachtens aus dem Juli 2017, bei dem Osterath überraschend nicht nur wieder mit in die Bewertung aufgenommen wurde, sondern auch noch favorisierter Standort ist, wenn die Dreiecksfläche nicht realisiert werden kann, treten wir auf der Stelle. Termine, wie die für das Jahresende von der Bundesnetzagentur beabsichtigte Auslegung der Unterlagen für die Festlegung des Trassenkorridors sind erneut nach hinten geschoben worden, jetzt soll dies um Ostern erfolgen. Gremien und Behörden, die die Voraussetzungen für einen Standort schaffen könnten, an dem das Bauwerk als weniger störend empfunden wird, erklären sich für unzuständig, der zuständige Bundesminister hat auf mein Schreiben von Mitte Oktober bisher nicht beantwortet.

In diesem Jahr hatte die Stadt Besuch aus Shijonawate und Fouesnant, welchen Sinn haben Städtepartnerschaften heutzutage noch?

Mielke-Westerlage Im April war eine Abordnung aus unserer japanischen Partnerschaft zu Gast in Meerbusch. Zuvor haben Schülerinnen und Schüler unseres Meerbusch-Gymnasium Japan bereist und waren in Shijonawate und dort in Familien untergebracht. Ich war beeindruckt, wie sich die Gruppe auf die Reise vorbereitet hat und mit welcher Begeisterung sie von ihren Eindrücken berichtet haben. Die Partnerschaft mit Fouesnant, deren 50-jähriges Bestehen wir feiern durften, ist eine der ältesten Partnerschaften einer deutschen Gemeinde mit einer französischen überhaupt. Darauf können wir stolz sein. Über Jahre hinweg haben sich zum Teil intensive Freundschaften entwickelt. Städtepartnerschaften sind Beiträge im Kleinen, den Frieden zu sichern. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Welt im Umbruch scheint, halte ich den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen für sehr wichtig.

Der Blick nach vorn: Was steht auf Ihrer Agenda für 2019, 2020 oder sogar 2021?

Mielke-Westerlage Derzeit wird das sogenannte Einzelhandelskonzept aktualisiert, mit dem wir zu Jahresbeginn in die politischen Gremien gehen wollen. Erste Ergebnisse zeigen Handlungsbedarfe hinsichtlich der Versorgung in Lank und in Büderich.

Noch ein Thema für die nächsten Monate?

Mielke-Westerlage Die Kindertagesstättenbedarfsplanung muss fortgeschrieben werden. Die Zahl der Kindergartenkinder in Osterath und Büderich ist stärker gestiegen als die Demoskopen es vorausgesagt haben. Im Haushalt sind Mittel für den Neubau einer Kita in Büderich und Osterath sowie Planungskosten für eine dritte Kita vorgesehen. Aufbauend darauf werden wir die Schulentwicklungsplanung fortschreiben. Auch hier haben sich Veränderungen ergeben; während in der Altersgruppe der Grundschüler insbesondere in Büderich die Zahlen gestiegen sind, sind sie in der Altersgruppe der weiterführenden Schulen bis auf Büderich in allen anderen Ortsteilen seit Jahren gesunken, am gravierendsten in Osterath.

Wird denn in die Schulen investiert?

Mielke-Westerlage Nach den in den letzten Jahren vorgenommenen baulichen Sanierungsmaßnahmen am Mataré- und Meerbusch-Gymnasium steht mit einem geschätzten Volumen von 7,3 Millionen Euro die Sanierung der Maria-Montessori-Gesamtschule auf dem Plan. Wir wollen endlich in der Digitalisierung der Schulen vorankommen, Gelder dafür sind schon im laufenden Haushalt veranschlagt. Eine Umsetzung ist bisher nicht erfolgt, weil die unter der Federführung des Rhein-Kreises Neuss laufende Breitbandverkabelung sich immer weiter nach hinten zieht.

Im letzten Halbjahr hat die Stadt einen Sportentwicklungsplan erstellt. Welche konkreten Projekte sollen hier angegangen werden?

Mielke-Westerlage Für Osterath soll in diesem Jahr die Planung einer Leichtathletikanlage aufgenommen werden, die dann 2020 in den Bau gehen soll, 710.000 Euro sind hierfür im Etat eingeplant. Auf der Anlage am Eisenbrand soll ein weiterer Kunstrasenplatz errichtet werden, die Kostenschätzung liegt bei 585.000 Euro. Zudem werden wir noch einmal vertieft die Hallensituation prüfen und entscheiden, ob nachjustiert werden muss. In den drei großen Ortsteilen sollen Bewegungsparks errichtet werden.

Sie haben dem Hauptausschuss in der letzten Sitzung die Einrichtung eines Sonderausschusses „Feuerwehr“ vorgeschlagen. Warum?

Mielke-Westerlage Die Fertigstellung der Bahnunterführung in Osterath ist für 2024 geplant, dann kann das Feuerwehrgerätehaus im Ort aufgegeben werden, die Fläche soll mit in die geplante Wohnbebauung einbezogen werden. Die Frage des künftigen Gerätehauses für den Löschzug muss im Kontext mit der Situation unserer Hauptwache und dem Rettungsdienst an der Insterburger Straße bearbeitet werden. Die 35 Jahre alte Wache entspricht in der Ausstattung nicht dem Stand der Technik und ist für die 18 hauptamtlichen Kräfte zu klein. Neben feuerwehrtechnischen Aspekten sind planungsrechtliche, bauliche und Finanzierungsentscheidungen zu treffen. Es macht Sinn, dies in einem Ausschuss zu bündeln.

Glauben Sie, dass nach Kündigung der schwarz-grünen Kooperation die veränderten Mehrheiten in der Politik ihren Ideen im Wege stehen?

Mielke-Westerlage Meine Devise war es auch schon in der Vergangenheit, mit Sachargumenten und Fakten, nicht mit dem Parteibuch zu überzeugen. Wichtige Entscheidungen sind in der Vergangenheit im Rat im Konsens getroffen worden. In der letzten Ratssitzung ist mit den Stimmen von CDU, SPD und UWG bei Enthaltung durch die Linken/Piratenpartei der Haushalt für 2019 verabschiedet worden. Die FDP-Fraktion hat mit ihrer Ablehnung die Tradition der vergangenen Jahre fortgeführt, obwohl es voraussichtlich zum dritten Mal gelingen wird, in der Abwicklung einen Überschuss zu erwirtschaften und wir bis 2022 18,55 Millionen Euro Schulden tilgen können, gleichzeitig rund 58 Millionen Euro investieren wollen.

Noch ein Thema aus dem letzten Jahr, das immer wieder diskutiert worden ist: die Personalfluktuation im Rathaus. Einige haben gefragt, ob es ein schlechtes Betriebsklima gebe. Was ist Ihre Meinung dazu?

Mielke-Westerlage Zum einen gehen die geburtenstarken Jahrgänge jetzt in Ruhestand, zum anderen bieten sich Ministerien als attraktive alternative Arbeitgeber an – das sind zwei der Gründe für die vielen Wechsel. Aber von den 220 Führungskräften, über die wir hier reden, sind nur neun Prozent ausgeschieden. Das Problem der Personal-Fluktuation hat nicht nur die Stadt Meerbusch. Wir versuchen, mit Fortbildung qualifizierte Mitarbeitern zu binden und zu halten. Alle frei gewordenen Stellen sind auf jeden Fall nach besetzt.

Wie war das Jahr für Sie persönlich? Sie sind vor gut einem Jahr offen mit ihrer Krebs-Erkrankung umgegangen – wie fühlen Sie sich heute?

Mielke-Westerlage Die Diagnose war ein Schock, die Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild und den Gefahren der Ausbreitung waren psychisch belastend. Ich hatte das große Glück, dass der Befund frühzeitig entdeckt wurde und ich mich keiner Chemotherapie unterziehen musste. 14 Tage nach der OP war ich wieder im Rathaus, die mehrwöchige Bestrahlung konnte ich zwei Tage vor Weihnachten abschließen und habe von da an wieder nach vorne geblickt. Ich bin zufrieden, sicher auch ein bisschen demütig geworden und dankbar, in einem Land mit hervorragenden Medizinern und einer hochspezialisierten Apparatemedizin zu leben.

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