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Meerbusch: Besuch bei den Mongolen vom Niederrhein

Meerbusch : Besuch bei den Mongolen vom Niederrhein

Der in Osterath sitzende Conbook Verlag hat seinen Autor Christian Bartel auf eine Expedition durch Rheinland und Niederrhein geschickt. Herausgekommen ist "Heimatbuch Rheinland". RP-Redakteur Jan Popp-Sewing sprach mit dem Autor.

Wie kommt man als "Rheinländer mit Migrationshintergrund" überhaupt auf die Idee, ein Buch über das Rheinland/den Rheinländer zu schreiben? Es gibt da ja schon so einiges...

Christian Bartel, geboren 1975, kommt aus Bonn. Foto: Conbook

Bartel Stimmt, kaum ein Stein liegt im Rheinland noch unbesungen bzw. unbeschrieben herum. Aber eben nicht von mir. Als bloß gelerntem Rheinländer, der den heimischen Dialekt als erste Fremdsprache belegen musste, ist mir das Rheinland gleichermaßen vertraut wie fremd. Den Karneval musste ich mir zum Beispiel selbst erarbeiten. Daraus ergibt sich natürlich eine ganz eigene Perspektive: eine Art teilnehmende Beobachtung. "Embedded", aber doch aus einer gewissen Distanz. Außerdem empfiehlt es sich ohnehin, die einschlägigen Rheinlandklischees von Zeit zu Zeit einem Wirklichkeitstest zu unterziehen. Da hatte man etwa felsenfest geglaubt, Köln sei die Welthauptstadt der politischen Vetternwirtschaft und jetzt stellt sich plötzlich heraus: Es ist doch eher Hannover.

Gibt es für Ihr Heimatbuch literarische Vorbilder?

Bartel Ich habe versucht, den Alltag im Rheinland als Stoff ethnographischer Abenteuerliteratur auszubeuten, den heimatlichen Landstrich als möglichst exotischen und verwegenen Ort darzustellen, ohne freilich die Realität vollkommen aus dem Blickfeld verschwinden zu lassen, es sei denn, sie stünde irgendwo einer guten Pointe im Weg. Damit bin ich vermutlich zwischen dem Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker und Karl May anzusiedeln. Was die Komik angeht, ist allerdings Mark Twain unerreichtes Vorbild.

Sie haben geschrieben: "Der Niederrheiner ist ein wackerer Geselle, über den man nichts schlechtes sagen soll. Er selber sagt ja auch nichts". Wissen Sie das vom Hörensagen oder haben Sie es selbst erlebt?

Bartel Der Niederrhein kam mir schon immer etwas leiser und bedächtiger vor als der südliche Teil des Rheinlandes. Ich glaube übrigens, dass es mit der Landschaft zusammenhängt. Bei Ihnen am Niederrhein ist der Fluss breiter, sind die Ufer ebener und die Wolken hängen tiefer. Eine eher in sich gekehrte Landschaft, die bei leichtem Bodennebel am besten zur Geltung kommt. Da schlägt das Gemüt vielleicht nicht die höchsten Wogen und ist eher im Stillen zu Gange. Am Mittelrhein, der bekanntlich bei uns in Bonn beginnt, geht es auch deshalb viel lauter zu, weil die Felswände des Siebengebirges den Schall sofort ins Tal zurückwerfen. Außerdem haben wir die meistbefahrene Bahnstrecke Europas in Hörweite. Da muss man einfach lauter sprechen, um überhaupt verstanden zu werden. Als ich in Xanten einmal eine voll besetzte Kneipe betrat, wurde schnell klar, dass der Niederrheiner insgesamt etwas untertouriger fährt als etwa der Kölner, der ja gemeinhin als Brasilianer unter den Rheinländern gehandelt wird. Die Bewohner des Niederrheins dagegen beschrieb Hanns Dieter Hüsch als "Mongolen unter den Rheinländern": selbstgenügsam und mit einem Hang zur Schwermut. Aber das ist ja beileibe nichts Schlechtes.

Und wie bringt man den Niederrheiner zum Sprechen?

Bartel Ganz, ganz vorsichtig. Nur soviel: Es wurde noch ein schöner Abend in Xanten. Alkohol soll allerdings auch im Spiel gewesen sein.

Stichwort Meerbusch: Sagt ihnen die Stadt zwischen Düsseldorf und Krefeld etwas?

Bartel Ehrlich gesagt muss ich da passen. Bei der letzten Fahrradtour in den hohen Norden bin ich nämlich bloß bis Neuss gekommen. Wird nachgeholt. Denn was ich über Meerbusch gelesen habe, klingt doch recht vielversprechend. Laut Wikipedia ist es die Stadt mit dem höchsten Anteil an Einkommensmillionären in NRW. Gibt es da ein Erfolgsgeheimnis, das Sie mir verraten würden? So von Niederrheinländer zu Rheinländer.

Das wüssten andere Städte auch gern. Wenn Sie den Städten am Niederrhein einen Tipp geben sollten, wie diese ihr Image aufbessern und mehr Touristen ziehen könnten, was würden Sie raten?

Bartel Gegenfrage: Haben die niederrheinischen Städte denn wirklich eine Imageaufbesserung nötig? Ich würde da zur Vorsicht raten. Meine behäbige Heimatstadt Bonn versucht nämlich unentwegt, sich als todschicke Welt- und Eventmetropole zu vermarkten. Und jetzt müssen wir ein riesiges Konferenzzentrum abbezahlen und werden ausgelacht, weil wir unser Dorf öffentlich "Bundesstadt" nennen.

(RP/rl)