1. NRW
  2. Städte
  3. Meerbusch

Bäcker aus Meerbusch ist jetzt Brot-Sommelier

Ein Jahr die Schulbank gedrückt : Der Mann, der das Brot liebt

Joachim Wieler darf sich jetzt „Brot-Sommelier“ nennen. Der Bäckermeister aus Lank hat ein Jahr lang gebüffelt.

Noch schneeweiß und frisch gestärkt ist die Jacke mit den Blenden in den Deutschland-Farben. Brot-Sommelier prangt auf der Brust, darunter der Name von Joachim Wieler. Diese Jacke ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil sie eine Maßanfertigung ist und schon Monate vor der eigentlichen Prüfung geschneidert wurde, sondern auch, weil Joachim Wieler sie nur zu offiziellen Anlässen tragen darf. Wie zu einem Interview mit anschließendem Foto.

Joachim Wieler, Bäcker in der vierten Generation, Chef von 100 Mitarbeitern in elf Filialen, hat sich noch einmal auf die Schulbank gesetzt und gebüffelt. Ein Jahr lang hat er für diese noch seltene Prüfung gelernt. Mit Erfolg: Er ist einer von weltweit 72 Brot-Sommelieren.  67 davon arbeiten in Deutschland, drei in Österreich, einer in Südtirol und einer in der Schweiz.

Um den Titel zu bekommen, ist Wieler mit 18 anderen Kursteilnehmern acht mal für jeweils dreitägige Blockseminare nach Weinheim in Rheinland-Pfalz gefahren. An der dortigen Bundesakademie fürs Bäckerhandwerk wurde er geschult und musste schriftliche Arbeiten einreichen, wurde mündlich geprüft, Aromen richtig zuordnen, musste schmecken, riechen und am Ende eine Projektarbeit abgeben. Seine beschäftigte sich mit dem Kölner Notbrot, das Konrad Adenauer nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte und sich patentieren ließ.

  • Jörg von Polheim, Bäckermeister aus Hückeswagen.
    Hilfsaktion der Bäckerinnung Bergisches Land : Hückeswagener Bäckermeister backt ein „Flut-Brot“
  • Handwerk im Rhein-Kreis Neuss : Bäcker backen „Flut-Brot“ für Hochwasser-Opfer
  • Barry Mamadou Laykamou, Sarah Dörkes und
    Lossprechung der Bäcker-Innung : Aus dem Flüchtlingsheim Voesch zum Jahresbesten

Dieses eine Jahr Lernen sei ganz schön anstrengend gewesen, so Wieler. „Alles ja neben der normalen Arbeit.“ Und die ist bei einem Bäcker anders gelagert als bei normalen Büro-Mitarbeitern. „Um 4 Uhr stehe ich in der Backstube“, so der 56-Jährige, dessen Tochter Hannah gerade die Meisterschule absolviert. Auch wenn er selber nicht mehr Teige mischt, kümmert er sich um Prozesse in der Backstube. „Und wenn es eng wird, stehe ich auch in der Filiale und verkaufe selber.“

In den Kursen und Prüfungen waren Kenntnisse in Betriebswirtschaft ebenso gefragt wie in Teigführung. Leitsätze für Brot (wie viel Butter kommt ins Butterbrot, wie viel Quark ins Quarkbrot?), der Unterschied zwischen altem und neuem Weizen, Emmer und Dinkel, es ging um die deutsche Brotkultur, die ja immerhin mehr als 10.000 Jahre alt ist. Aber auch Food-Pairing stand auf dem Unterrichtsplan: Welches Brot isst man zu Wein, Bier oder Käse? Warum passt ein Weißburgunder zu Ciabatta und ein Sauvignon zu Roggenbrot? Am Ende, und das gibt Wieler offen zu, war er wirklich schlauer. „Ich habe mir ein enormes Wissen angeeignet.“ Das Ergebnis seiner unterschiedlichen Prüfungen: 83 von 100 Punkten. „Da waren wir alle froh, einige von unseren Teilnehmern sind sogar in Tränen ausgebrochen, weil die Anspannung nachgelassen hat.“ Gefeiert wurde dann mit einem prominenten Gastgeber: mit dem Fernsehkoch Johann Lafer in dessen Kochschule in Guldental.

Und jetzt? Jetzt hat er den Titel – und macht was damit? „Erstmal ist das toll, so etwas geschafft zu haben – und das im 120. Jahr unseres Firmenbestehens“, so Wieler, der sich in den letzten Monaten intensiv auch mit der Philosophie des Brotes und dem Ansehen dieses wertvollen Lebensmittels  in der Gesellschaft beschäftigt hat.  „Einige machen das Brot ja zurzeit in vielen Büchern und Artikeln schlecht, aber ich glaube, dass es eines der wichtigsten Lebensmittel der Menschheit ist.“ Und es mache nicht dick, so Wieler. Beispiel: Einer seiner Kurs-Mitstreiter hat als Projektarbeit unter ärztlicher Begleitung jeden Tag 450 Gramm Brot statt Nudeln oder Kartoffeln als Beilage gegessen. Ergebnis: Er hat fünf Kilogramm  abgenommen.

Dann hat Wieler aber noch eine ganz besondere Aktion vor: Eine der Dozentinnen der Akadamie war eine Psychologin, die Verwandtschaft in Malawi hat und sich dort um Mädchen kümmert, damit sie zur Schule können. Der Plan: ein Internat zu bauen. „Dafür sind  30.000 Euronötig“, erzählt Wieler. Und da will er helfen, genauso wie seine Mitstreiter aus dem Sommelier-Kursus. Alle backen in den nächsten Wochen ein „Zukunftsbrot“ und spenden 75 Cent von jedem verkauften Brot (750 Gramm kosten 3,30 Euro) an die Aktion in Malawi. Damit alles mit rechten Dingen zugeht, schaltet Wieler den Lanker „Verein engagiert“ ein, der sich um die Spendenaktion kümmert.