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Meerbusch: Angehörige in Sorge um Senioren

Meerbusch : Angehörige in Sorge um Senioren

Nachdem der Rhein-Kreis Neuss in Meerbusch zwei Altenheime geschlossen hat, haben die Angehörigen Angst. Noch gibt es keine neuen Plätze für die rund 100 Bewohner. Die Mängel in der Pflege werden bestätigt.

Die dunklen Wolken über dem Seniorenwohnpark Meerbusch passen gut zur Stimmung von Beate Meyer und Carla Sassen (*). "Meine 84-jährige Mutter wohnt hier. Nun soll das Heim in drei Monaten schließen. Ich weiß aber nicht, wohin mit ihr", sagt Beate Meyer. Ihre an einer schweren Demenz leidende Mutter könne sich nicht so schnell an einen neuen Platz gewöhnen. Beate Meyer ist wütend, traurig und enttäuscht. Von der Zwangsschließung des Altenheims wegen schwerer Pflegemängel zum 30. November durch den Rhein-Kreis Neuss hat sie genau wie Carla Sassen erst aus der Zeitung erfahren. Auch ihre Mutter lebt bereits seit drei Jahren in dem Pflegeheim und ist schwer dement. "Das ist eine Unverschämtheit, dass niemand mit uns gesprochen hat", sagt Carla Sassen. Vor ein paar Tagen habe ihr der Heimleiter noch persönlich versichert, dass mehr Pflegekräfte eingestellt werden und dass man sich um ihre Mutter besser kümmern wird. Dem Heimleiter wurde am Freitag gekündigt.

Foto: Ulli Dackweiler

Denn seit Donnerstag ist klar: Aufgrund schwerer Mängel in der Pflege und Betreuung werden der Seniorenwohnpark in Meerbusch-Strümp und das benachbarte Altenheim "Medina", das ebenfalls von der Marseille-Kliniken AG getragen wird, zum 30. November geschlossen. Der Medizinische Dienst sowie die Heimaufsicht haben schwerwiegende Verstöße bei der Medikamentenvergabe sowie beim Pflegezustand von Patienten festgestellt. Bereits seit Ende vergangenen Jahres steht das Heim unter Aufsicht, gilt ein Aufnahmestopp. 36 Mal war seither die Heimaufsicht vor Ort, zweimal wöchentlich kontrollierte der Medizinische Dienst der Krankenkassen. Und stellte immer wieder gravierende Mängel fest. So sollen teilweise lebensnotwendige Medikamente nicht verabreicht worden sein. Doch erst nach neun Monaten fiel nun die Entscheidung, die beiden Heime zu schließen.

"Die Mängel in der Pflege sind mir häufig aufgefallen", sagt Carla Sassen. Als ihre Mutter an starkem Durchfall erkrankte, habe sie miterlebt, dass im Zimmer offenbar große Hygienemängel herrschten. So sei die Kleidung ihrer Mutter stark verschmutzt gewesen. Manchmal hätten die Pfleger auch ganz vergessen, die alte Dame morgens anzuziehen. "Dann fehlte immer wieder Wäsche", sagt Carla Sassen.

Bei Angehörigen-Abenden seien Heimleitung und Pflegedienst-Mitarbeiter immer wieder auf die Missstände aufmerksam gemacht worden. "Da wurde von nicht behandelten Liege-Geschwüren berichtet sowie fehlender Kontrolle bei Zuckerkranken", sagt Sassen. Doch die vielen Beschwerden hätten nie etwas bewirkt. "Ich hatte den Eindruck, der Heimleiter war nicht in der Lage, mal auf den Tisch zu hauen." Er habe die Pflegekräfte eher mit Samthandschuhen angefasst — wohl aus Angst, sie könnten sich am nächsten Tag krank melden. Die Firmenzentrale sei nie zu erreichen gewesen, so die beiden Frauen. Ein Umzug sei ihren Müttern nur schwer zuzumuten. Zumal Heime, die nun für sie infrage kommen, Wartelisten haben.

Eigentlich wollte die Heimaufsicht kommenden Montag Patienten und Angehörige über den weiteren Fortgang informieren. "Dazu wird es wohl nicht kommen", erklärte gestern ein Sprecher des Rhein-Kreises Neuss. "Der Betreiber der Heime lässt derzeit rechtlich prüfen, ob er überhaupt verpflichtet ist, uns die Daten der Angehörigen zu geben." So viel steht fest: Rechtlich sind die Marseille-Kliniken als Träger verantwortlich, Ersatzplätze für sämtliche Heimbewohner zu beschaffen. Und laut Betreuungsvertragsgesetz muss der Konzern auch die Kosten für den Umzug tragen. Bis zur Schließung stehen die Heime weiter unter Aufsicht. "Wir haben zugesagt, bei der Suche nach Heimplätzen zu helfen", so der Sprecher des Kreises. "Wir hoffen, dass der Träger des Heims trotz der angedrohten rechtlichen Mittel während der Abwicklung zu einer Zusammenarbeit mit uns findet."

Die Angehörigen der Patienten bewegt eine andere Frage: "Warum hat es so lange gedauert, bis diese Zustände beendet wurden?"

* Namen von der Redaktion geändert

(RP)