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Akten aus Lanker Pfarrarchiv lagern im Meerbuscher Stadtarchiv

Schätze aus dem Stadtarchiv : Streitende Geistliche trafen sich vor Gericht

Die Bestände des Lanker Pfarrarchives bieten einmalige Einblicke, zum Beispiel in die Wehrhaftigkeit der Nierster.

2008 gelang Stadtarchivar Michael Regenbrecht und Pfarrer Willy Dapper ein großer Coup. Auf einen Schlag verfügte das Stadtarchiv über einige Jahrhunderte mehr an Geschichte, und zwar als das Archiv der Pfarre St. Stephanus Lank aus der aufgelösten Regionalstelle in Krefeld nach Büderich verbracht und als Dauerleihgabe im Stadtarchiv deponiert wurde.

Viele Hundert Akten des Lanker Pfarrarchivs, etwa über den Bau  der St. Stephanus Kirche in Lank, lagern heute im Meerbuscher Stadtarchiv. Foto: Stadt Meerbusch

Während die älteste Überlieferung bis dahin aus der Franzosenzeit um 1798 stammte, kommen Forscher heute bis zu einer Urkunde des Jahres 1313 zurück, die die Gründung und Ausstattung der Marienvikarie mit eigenem Altar in der damaligen Pfarrkirche betrifft. Rund 450 Jahre später wurde das Schriftstück im Streit zwischen Vikar Johannes Hees und dem legendären Pfarrer Wilhelm Jacobs, nach dem heute eine Lank-Latumer Grundschule und ein öffentlicher Platz benannt sind, wichtig und abgeschrieben. Diese Abschrift ist heute noch erhalten, während das Original schon vor sehr langer Zeit verloren ging.

Das Dokument von 1765 bestätigt, dass der Lanker Pfarrer keine Vorrechte an der Nierster Kapelle hatte. Foto: RP/Repro Mike Kunze

In dem Streit ging es darum, dass Jacobs seinem Hilfsgeistlichen vorwarf, lediglich die Stiftungsmessen an seinem Altar zu lesen, nicht aber dem Pfarrer in der Seelsorge zu helfen. Das war auch nur in Notfällen von den Stiftern des Altares gefordert und ansonsten sogar verboten. Allerdings gab es für Hees keine solchen Notfälle. Der Streit der beiden Geistlichen dauerte über Jahrzehnte und beschäftigte auch geistliche Gerichte, bis Hees schließlich zurücktrat.

Auch der Streit mit den Kapellengemeinden Strümp, Kierst, Ossum und vor allem Nierst, hat in diesem Bestand seinen Niederschlag gefunden. Alle vier Gemeinden gehörten zur Pfarre Lank, strebten aber in den 1750er Jahren nach mehr Selbstständigkeit – damals ein landauf und landab verbreiteter Vorgang. In dieser Auseinandersetzung verhängte der Kölner Erzbischof schließlich ein Interdikt über die Kapellengemeinden, was bedeutete, dass die Kapellen verschlossen wurden und die Priester dort keine geistlichen Handlungen mehr vornehmen durften. Außer Nierst gaben nach wenigen Jahren alle klein bei.

Die Nierster hingegen klagten vor Gericht und bestanden auf ihrer Stellung als Freie Herrlichkeit unter der Herrschaft und dem Kirchenpatronat des Klosters Meer. Schließlich wurde 1765 der Prozess mit einem eindeutigen Urteil zugunsten der Nierster beigelegt, das die Nierster Kapellenvorsteher fein­säuberlich in Latein in den Einband ihres Lagerbuches eintrugen, um jeden Nutzer daran zu erinnern, dass ihnen der Lanker Pastor in das Vermögen und die Verwaltung ihrer Kapelle nicht hineinzureden hatte. Als Pfarrkinder akzeptierten sie ihn natürlich für Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse als ihren Seelenhirten – mehr aber eben auch nicht. Das voluminöse Buch verzeichnet außerdem fein säuberlich die Einnahmen und Ausgaben der Nierster Kapellengemeinde und gibt damit einen spannenden und vielschichtigen Einblick in das Leben und die Verhältnisse in einem kleinen, aber ausgesprochen selbstbewussten Rheindorf.

Diese und viele Hundert weitere Akten – etwa über den Bau der Stephanuskirche von 1841 bis 1845 – sind heute als Depositum mit einer jeweils zu erbittenden Genehmigung der Pfarrgemeinde Seelige Hildegundis von Meer einsehbar und zur Forschung zu nutzen. Ohne die kirchenrechtlich abgesegnete Vereinbarung mit dem Stadtarchiv Meerbusch würde dieser Archivalienschatz ins Diözesanarchiv in Aachen wandern und erheblich schlechter nutzbar sein.