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Meerbusch: 100 Senioren in Altenheim vernachlässigt

Meerbusch : 100 Senioren in Altenheim vernachlässigt

Offene Wunden, zu wenig Personal, falsche Medikamentenabgabe – die Liste der Mängel in den Meerbuscher Pflegeeinrichtungen ist lang. 100 Bewohner müssen in den nächsten drei Monaten ausziehen.

Schon seit Monaten stehen der Seniorenwohnpark Meerbusch und das benachbarte Altenheim Medina im Kreuzfeuer der Kritik. Bewohner, Angehörige und Betreuer warfen dem Betreiber – der Marseille-Kliniken AG – schwere Mängel in der Pflege der Bewohner vor. So sollen zuckerkanke Patienten ihr Insulin nicht rechtzeitig oder unvollständig erhalten haben. Dazu kam offenbar ein gravierender Personalmangel. Am Donnerstag hat der Rhein-Kreis Neuss die Konsequenzen gezogen. "Wir haben für beide Altenheime eine Betriebsuntersagung ausgesprochen", sagte der stellvertretende Landrat, Jürgen Steinmetz, auf einer Pressekonferenz. Die Altenheime müssen geschlossen werden.

Dieser außergewöhnliche Schritt sei ihm "nicht leicht gefallen". Doch angesichts der schweren Mängel habe es keine andere Möglichkeit gegeben. In den vergangenen Monaten sei 36-mal die Heimaufsicht des Kreises in Meerbusch-Strümp gewesen, um mit Leitung und Personal über Mängel zu reden. Dazu kamen mehrere Sonderprüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK). "Bei einer Patientin mit Herzschwäche, die auf Medikamente gegen hohen Blutdruck angewiesen war, fehlten die Medikamente komplett", sagte Karlheinz Großgarten, leitender Arzt des Medizinischen Dienstes. Falsch dosiert oder überhaupt nicht bereitgestellt wurden offenbar auch notwendige Schmerzmittel. "Bei fünf Bewohnern, die an Diabetes leiden, konnte nicht nachvollzogen werden, dass sie regelmäßig Insulin einnehmen", sagte Großgarten. Bei einer alten Dame wurde ein deutlich zu hoher Zuckerwert gemessen.

Laut Kontrolle des Medizinischen Dienstes erhielt eine Frau, die auf blutgerinnungshemmende Mittel angewiesen war, eine Woche lang überhaupt keine Medikamente. Schwere Vorwürfe macht der MDK auch zum Ernährungs- und Pflegezustand der rund 100 Bewohner in beiden Heimen. So seien Patienten angetroffen worden, die eklatant an Gewicht verloren hatten. Bis zuletzt sei aber nicht erkennbar gewesen, dass etwas dagegen getan wird. Durchgängige Mängel gab es offenbar auch bei der Pflege. So sollen Druckgeschwüre, offene Wunden und Hautfaltenekzeme nicht behandelt worden sein. Einige Bewohner sollen stark nach Urin gerochen haben und dreckige Kleidung angehabt haben, so der MDK weiter. "Uns ist immer wieder versprochen worden, dass sich etwas ändert. Aber es ist nichts passiert", sagte Steinmetz.

Die Marseille-Kliniken AG haben am Donnerstag schriftlich zu den Vorwürfen Stellung bezogen: "Wir arbeiten mit Hochdruck an der Behebung der Mängel in unserer Einrichtung Medina Meerbusch", heißt es dort. Nach Bekanntwerden der ersten Beschwerden im Januar dieses Jahres sei sofort der Heimleiter entlassen worden. "Die damals festgestellten Mängel stehen im krassen Gegensatz zu den hohen Standards der Marseille-Kliniken." Der zuständige Regionalleiter, Ralph Irrgang, sagte: "Es gibt keine Pflegemängel, die eine Schließung rechtfertigen würden." Er räumte aber ein: "Wir hatten in den beiden Heimen ein großes Leitungsproblem – und Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden." Er warf der Heimaufsicht des Rhein-Kreises vor, es bestehe "offenbar an einer konstruktiven Zusammenarbeit wenig Interesse". Dem Kreis ginge es nur um "politische Ränkespiele" und "schnöde Mandate", statt die Interessen der Senioren wahrzunehmen.

Dem Rhein-Kreis Neuss ist das Personalproblem durchaus aufgefallen. Die beiden Heime haben 2008 eröffnet. Seitdem gab es im Seniorenwohnpark sieben Heimleiter und sechs Pflegedienst-Leiter. In der benachbarten Medina waren es sechs Heimleiter und fünf Pflegedienstleitungen, die ausgetauscht wurden oder von sich aus kündigten. "Das ist schon ein sehr außergewöhnlicher Personalwechsel", sagte Steinmetz. Der Betreiber habe nun die Möglichkeit, gegen die Entscheidung zu klagen. "Das hat aber keine aufschiebende Wirkung", sagte Steinmetz. Am 30. November müssen die Häuser geräumt sein.

(RP)