Zeltlager von St. Antonius in Frankreich: Was wir wissen und was nicht

Überflutetes Zeltlager in Frankreich : Was wir eine Woche später über den Fall wissen

Fast 100 Kinder aus dem Rheinland mussten in einem Zeltlager in Frankreich vor einer Überschwemmung in Sicherheit gebracht werden. Die französische Justiz ermittelt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Fahrräder lagen im Schlamm, Laternen wurden umgeknickt. Ein Wohnwagen mit Vorzelt wurde von den Wassermassen gegen einen Baum gedrückt und stark beschädigt. Überall stand noch das Wasser. Am Tag nach der Flutkatastrophe nahe Nimes in Frankreich wirkte der Ort wie die Kulisse eines Weltuntergangfilms. Doch es ist kein Film, sondern Realität: Am Donnerstag, 9. August, wurden insgesamt drei Zeltlager nach starken Regenfällen von einer großen Flutwelle überrollt. Das Wasser kam schnell und heftig, es ließ einen Seitenarm des Flusses Ardeche anschwellen, schilderten Augenzeugen. Eines der Zeltlager war vom Leverkusener Verein St. Antonius ausgerichtet worden. Darin waren mehr als 100 Kinder zwischen neun und 17 Jahren aus dem Rheinland untergebracht. Sie stammten aus Leverkusen, Monheim, Hilden, Meerbusch, Leichlingen und Köln. Bei ihnen waren 30 bis 40 Betreuer.

Was ist bei der Überschwemmung passiert?

Der genaue zeitliche Ablauf lässt sich noch nicht rekonstruieren. Die Augenzeugenberichte unterscheiden sich zum Teil stark. Auch wann der Regen eingesetzt hat, ist bislang unklar. Laut Helfern war das Zeltlager wegen des Unwetters am Donnerstag geräumt worden. Das Hochwasserwarnsystem habe funktioniert, ein Signalhorn habe die Teilnehmer vor der Gefahr gewarnt. Doch viele Kinder und Betreuer des St.-Antonius- Vereins waren noch auf dem Platz, als der Campingplatz komplett überspült wurde.

Mehr als 200 Einsatzkräfte der Feuerwehr brachten die Teilnehmer des Ferienlagers mithilfe von Hubschraubern und Tauchern in Sicherheit. Rund 80 Menschen befanden sich laut der Feuerwehr in ernsthafter Gefahr. 184 Kinder wurden gerettet. Fünf von ihnen und drei Betreuer mussten zunächst im Krankenhaus behandelt werden. Außerdem wurde der Wohnwagen eines 66-jährigen Betreuers davongespült. Nach tagelanger Suche ist seine Leiche inzwischen gefunden worden.

Die Deutschen verbrachten die Nacht zum Freitag in einer Mehrzweckhalle in der nahe gelegenen Gemeinde Saint-Julien-de-Peyrolas. Freitagabend wurden sie in einer 18-stündigen Busreise zurück nach Deutschland gebracht. Einige Kinder wurden von ihren Eltern in Frankreich abgeholt.

Wussten die Camp-Verantwortlichen nichts von dem drohenden Unwetter?

Diese Frage wird derzeit von der französischen Justiz untersucht. Die Gemeinde Saint-Julien-de-Peyrolas wirft den deutschen Betreibern vor, ihren Zeltplatz zu nah an einen Seitenarm des Flusses Ardeche gebaut zu haben. Die Behörden erklärten, sie hätten die Deutschen 48 Stunden vor dem Drama vor einer möglichen Überschwemmung ihres Campingplatzes gewarnt, der demnach nur knapp über dem Wasserspiegel liegt.

Der Bürgermeister schaltete wegen der angekündigten Unwetter nach Angaben der Staatsanwaltschaft sogar das zuständige Verwaltungsgericht ein. Dennoch befanden sich noch zahlreiche Kinder und Jugendliche auf dem Zeltplatz, als der Fluss über die Ufer trat. Die Gemeinde Saint-Julien-de-Peyrolas liegt bereits seit dem vergangenen Jahr im Rechtsstreit mit der Jugendförderung St. Antonius, der das Gelände am Fluss gehört.

Die französische Justiz hatte am Wochenende ein Ermittlungsverfahren gegen den Vorsitzenden und den Vizevorsitzenden des Vereins, die sich derzeit in Frankreich befinden, eingeleitet, unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung. Ihnen wird die Errichtung eines illegalen Campingplatzes, die Gefährdung von Personen und zudem Schwarzarbeit vorgeworfen. Nachdem nun die Leiche des vermissten Betreuers gefunden worden ist, könnte die Anklage auf fahrlässige Tötung ausgeweitet werden. Dem Campingplatz droht die Schließung.

Was sagen die Vereinsvorsitzenden?

Die Vereinsvorsitzenden weisen alle Schuld von sich. Man habe im Camp sehr früh Alarm ausgelöst und die Jugendlichen zunächst geordnet auf einen höher gelegenen Parkplatz geleitet. Danach sei Panik ausgebrochen, weil viele zurück in die Zelte gestürmt seien, um ihre Sachen zu holen. Da die Lage nicht mehr beherrschbar erschien, hätten sie die Feuerwehr zur Hilfe gerufen, die die Rettung koordiniert habe. Auch weisen sie von sich, vor einer Überflutungsgefahr gewarnt worden zu sein, man hätte sie lediglich über erhöhten Niederschlag informiert. Die beiden waren von den französischen Behörden 48 Stunden lang inhaftiert und dann frei gelassen worden. Ein normales Vorgehen bei den französischen „Mise en cause“-Ermittlungen.

Was sagen die Eltern?

Die Augenzeugenberichte von Kindern, die unserer Redaktion vorliegen, schildern ein anderes Szenario. Demnach habe bereits um 8 Uhr morgens Wasser in den Zelten gestanden. Die Betreuer hätten die Kinder zunächst in einem Gemeinschaftszelt versammelt, sie dann aber wieder in ihre eigenen Zelte zurückgeschickt. Einige Eltern werfen den Betreuern deshalb eine zu langsame Evakuierung vor. Viele Kinder hatten nach der Katastrophe nur noch das, was sie am Leib trugen. Unklar ist bislang, ob die Versicherung einspringt und wenn, in welchem Umfang.

Was ist das für ein Zeltlager?

Das von dem Leverkusener Pfarrer Leo Verhülsdonk vor 61Jahren eingerichtete Camp gilt als „Kult-Zeltlager“. Mehrere Generationen, Menschen aus allen sozialen Schichten, verbrachten dort ihre Ferien und schickten später ihre Kinder dorthin.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Überschwemmung in französischem Ferienlager mit Kindern aus Leverkusen

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