Vor 100 Jahren gründete sich eine lokale Nazi-Partei Wie Opladen unter das Hakenkreuz kam

Leverkusen · Manchmal beschleunigt sich die Geschichte. Nicht mal zehn Jahre brauchten die Nationalsozialisten, um aus einer radikalen politischen Randgruppe einen mörderischen Unterdrückungsstaat zu formen. Vor rund 100 Jahren tauchte in Opladen das erste Hakenkreuz auf.

Nazi-Aufmarsch mit Hakenkreuzfahnen in den 1930er Jahren im Stadtgebiet.

Nazi-Aufmarsch mit Hakenkreuzfahnen in den 1930er Jahren im Stadtgebiet.

Foto: Stadtarchiv Leverkusen

Wer ist dieser Adolf Hitler? Kaum jemand kannte den Obergefreiten aus Österreich, bevor dieser am 9. November 1923 bei einem Putschversuch in München jämmerlich scheiterte und nach seiner Verurteilung eine am Ende dann kurze Gefängnisstrafe antreten musste. Der sogenannte Hitler-Putsch füllte die Schlagzeilen und ließ Deutschland kurz aufhorchen. Ein Deutschland, das im Inflationsjahr und gerade mal fünf Jahre nach seiner Weltkriegsniederlage auch sonst genug Probleme hatte.

In der Ausgabe der Opladener Bergischen Post vom 26. April 1924 berichtet ein Autor Folgendes: „Sitze ich da gestern Abend in einem hiesigen Lokale beim Abendbrot. Über meinem Tische hängt ein Wahlplakat des sogenannten Völkisch-Sozialen-Blocks, darstellend den Reichsadler, im Brustschild das berüchtigte Hakenkreuz, in den Fängen ein Schwert.“ Das Hakenkreuz war also offenbar schon „berüchtigt“, als es in Opladen das erste Mal auftauchte. Ob es dem hungrigen Lokalgast den Appetit nahm, ist nicht überliefert.

1924 – es war dasselbe Jahr, als die „Frau eines führenden Opladener Nationalsozialisten“ das „erste Banner der Freiheitsbewegung für die Opladener Kämpfer“ nähte. Das geht aus Gedenkschriften der Nazis aus dem Jahr 1934 hervor, die Rudolf Müller für seine Opladener Stadtchronik (1975) ausgewertet hat.

 Reichstagswahl 1938: Der Schlebuscher Musikverein musiziert vor dem Rathaus Schlebusch.

Reichstagswahl 1938: Der Schlebuscher Musikverein musiziert vor dem Rathaus Schlebusch.

Foto: Stadtarchiv Leverkusen

1920 wurde das Hakenkreuz unter Adolf Hitler zum Zeichen der nationalsozialistischen Partei (NSDAP). 1933 wurde es zum offiziellen Signet des Nationalsozialismus, der sich nach der Machtübernahme anschickte, den gesamten deutschen Staat gewaltsam unter seine Kontrolle zu bringen. Am Ende seines verbrecherischen Wirkens im Jahr 1945 standen sechs Millionen ermordete Juden und 70 Millionen Weltkriegstote.

Demgegenüber nehmen sich die Opladener Anfänge der Bewegung unter dem Hakenkreuz bescheiden aus. 1924 zählte die Opladener Gruppe gerade mal zehn Aktivisten. Am 12. April 1924 hatten sie im sogenannten Unterstand des Hotels Moritz die Ortgruppe Opladen der „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung“ gegründet. Die Partei Hitlers war damals noch verboten. So firmierten die jungen Nazis bei den Reichstagswahlen 1924 unter dem Decknamen „Völkischer Block“. Zur ersten Wahlkampfversammlung im Lokal Moritz erschienen 500 Besucher.

Im  Leverkusener Ratssaal werden im  März 1933 Hilfspolizisten vereidigt.

Im Leverkusener Ratssaal werden im März 1933 Hilfspolizisten vereidigt.

Foto: Stadtarchiv Leverkusen

Bei der Wahl kamen enttäuschende 288 Stimmen zusammen. So blieben die Aktivisten zunächst noch weitgehend unter sich, traten dafür aber um so schneidiger und bald schon gewalttätig auf. „Die Geschichte der Opladener Nationalsozialisten bis 1933 ist nichts als eine Kette von Saalschlachten und Raufereien“, schreibt Müller in seiner Opladener Chronik. Bei den Schlägereien ging es meistens gegen die Kommunisten, und bald schon sollte sich die Gewalt auch gegen Juden und „Reichsfeinde“ von SPD und Zentrum richten, die dem neuen Nazi-Staat entgegenstanden.

An der Spitze der lokalen NS-Bewegung stand der spätere Reichsleiter und Organisator der Arbeitsfront Robert Ley aus Wiesdorf. Er gehörte später zu den 24 im Nürnberger Prozess als Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Angeklagten und beging vor Prozessbeginn Selbstmord.

Die Bewegung unter dem Hakenkreuz wuchs. Noch im Wahljahr 1932 beklagten sich örtliche Parteimitglieder über die „Spießbürgerlichkeit“ der Leverkusener, die bei der Reichstagswahl am 6. November ihre Stimme an „Splitterparteien“ verteilt hätten. „Wie überall im deutschen Vaterlande“ seien auch in Leverkusen und Opladen „die Nationalsozialisten wenig beliebt“. Das sollte sich ändern. Im April 1932 verbietet die Regierung Brüning SA und SS, nicht aber die NSDAP. Nach Rückschlägen für die Nazis bei der Reichstagswahl im November 1933 ernennt Reichspräsident von Hindenburg Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.

Der Reichstag wurde aufgelöst. Aus der von anhaltenden Gewalttaten und NS-Terror gegen politische Mitbewerber überschatteten Märzwahl 1933 gingen die Nazis mit 43 Prozent als stärkste Partei hervor. Der vom Anspruch her erste demokratische Staat und seine Bürger hatten Platz gemacht für ein Terrorregime und seinen Anführer, der seine verbrecherischen Ziele bereits viele Jahre zuvor offen publik gemacht hatte.

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