Leverkusen: Wie der Isländer Jón Thor Gíslason Existenzfragen in Bilder bannt

Leverkusen: Wie der Isländer Jón Thor Gíslason Existenzfragen in Bilder bannt

Die Wirkung ist erstaunlich. Beim Betreten der Christuskirche fallen die fast weißen Bilder auf. Doch je länger man sie vor Augen hat, umso mehr nimmt man Tiefe und Farbe in der Ausstellung "Weiße Ferne" wahr. Das liegt an den vielen Schichten, die Jón Thor Gíslason in einem langen Entstehungsprozess übereinander aufgetragen hat. Und an den wenigen krassen Linien und Elementen in hartem Schwarz oder fluoreszierender Farbe. "Licht ist das Wichtigste", sagt der gebürtige Isländer, der als Musiker vor 29 Jahren nach Deutschland kam, um bildende Kunst zu studieren.

Und das verlangt viel Weiß. Licht macht die Dinge erst sichtbar, andererseits blendet es und vernebelt, so dass die Realität eher zu ahnen ist. Seine Bilder sind in Bewegung, lassen je nach Blickwinkel und Konzentration unterschiedliche Teile deutlicher hervortreten. Je nachdem welchen der Linien, die nicht nur Kontur sind, man den Vorzug gibt. Der Mensch steht bei Jón Thor Gíslason immer im Mittelpunkt, und damit die Frage nach seiner Existenz mit seinen hellen und dunklen Seiten. Täglich fertigt er mindestens eine fragile Personen-Zeichnung an. Es sind keine bestimmten Modelle, sondern eher Charakter-Studien, unterschiedlich in Ausdruck, Haltung und Bewegung. Und er versteht sie nicht etwa als Skizzen für seine großformatigen Bilder, in denen er philosophische Fragestellungen abarbeitet. Er liest viel. Novalis etwa, dessen Gedichte ihn zum größten Ausstellungsstück "Fragment an Novalis" inspirierten. Bücher gehören für ihn zum Arbeitsmaterial im Atelier.

Die Romantik hat für Gíslason einen besonderen Stellenwert. Daher nimmt er den Gedanken des Fragmentarischen, des Unfertigen auf. Oder die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen und vor allem die Ambivalenz des menschlichen Lebens, hin und her gerissen zwischen Glück und Leid, Erfolg und Scheitern, Zuneigung und Einsamkeit. Es ist die ständige Suche nach der Auflösung der Gegensätze, die Mensch und Natur bestimmen. In seiner Malerei versucht Gíslason den Dingen auf den Grund zu gehen. Das hat etwas Mysteriöses, das weit weg erscheint, auch wenn es nah ist.

Eröffnung am Sonntag, 15. April, im 10-Uhr- Gottesdienst in der Christuskirche, Dönhoffstraße 2. Die Ausstellung ist bis zum 15. Juli zu den Öffnungszeiten (mi bis fr 15-18 Uhr, sa 11-15 Uhr) zu sehen.

(mkl)