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Leverkusen: Wenn Einkaufszettel Geschichten erzählen

Leverkusen : Wenn Einkaufszettel Geschichten erzählen

Schüler aus verschiedenen Nationen schrieben in ihren Sprachen Einkaufszettel. Das von Realschullehrerin Evelyn Meessen initiierte Foto-Projekt wird jetzt ausgestellt. Ihre Erläuterungen dazu sind in einem Büchlein nachzulesen.

Schreiben Schüler von heute überhaupt noch Einkaufszettel? Berechtigte Zweifel kamen Lehrerin Evelyn Meessen, nachdem sie eine Klasse gebeten hatte, solche Merklisten mitzubringen. Einige zeigten ganz selbstverständlich ihre Handys mit Einkaufslisten, andere brachten tatsächlich zerknüllte oder abgerissene Zettelchen mit. Die Lehrerin fotografierte sie alle in den Händen ihrer Besitzer, die so anonym blieben. Aber die Papierchen an sich erzählen ganze Geschichten, weit mehr als sich Evelyn Meessen vor dem Projekt "Nach der 6. Stunde" hatte vorstellen können. Das liegt vor allem daran, dass ihre Schüler in der Realschule am Stadtpark aus Zuwandererfamilien stammen, die aus aller Herren Länder kommen.

 In ihren Landessprachen haben die Schüler oder ihre Eltern diese Einkaufszettel geschrieben.
In ihren Landessprachen haben die Schüler oder ihre Eltern diese Einkaufszettel geschrieben. Foto: Evelyn_Meessen

"Die Einkaufszettel sind alles andere als unspektakulär, gewähren sie doch tiefe Einblicke in die vielfältigen sozialen, kulturellen und religiösen Biographien der Schreiber und deren Familien" hat Evelyn Meessen festgestellt. Andere Länder, andere Sitten und vor allem andere Speisen, das zeigen die Einkaufszettel, auf denen neben Brot, Butter und Käse auch spezielle Gewürze stehen. Verfasst wurden sie in unterschiedlichen Sprachen, wie Türkisch, Polnisch, Vietnamesisch, Amharisch (eine von 80 Sprachen in Äthiopien) oder zweisprachig in Englisch/Deutsch. Auf einigen vermischen sich die Sprachen, da folgt zum Beispiel ein deutsches auf fünf tamilische Wörter. Eine Mutter vertraut auf die Aufmerksamkeit ihrer Tochter und schreibt immer drunter: "...und was dir sonst noch einfällt." Manche Geschichten erschließen sich erst nach Erklärung wie der in der Hand eines türkischen Schülers, der die Wünsche von Tante und Mutter auf einem Zettel vereint. Deren Kosenamen Seker (Süße) und Gülo (Röschen) vermerkte er dazu. Einige Zettel sind aufgrund ihrer Schriftzeichen fotogen, wie der aus der äthiopischen Familie oder der arabische. Einer fällt ganz aus dem Rahmen, weil die Mutter die Wünsche "Eis Butter, Milch und Zucker" mit Kuli auf den Arm ihrer Tochter geschrieben hat. Den entdeckte die Lehrerin, als die dazu zugehörige Schülerin die Tafel abwischte. Das wohl tiefgründigste Bezug ist der Name am Ende der Philosophiestunde von der Tafel gewischte Name Wittgenstein — ausgerechnet ein Sprachphilosoph. Mehr als 50 Einkaufszettel sind zusammengekommen.

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Evelyn Meessen hat sie alle fotografiert und die optisch schönsten wie aussagekräftigsten herausgesucht. "Es ist so rührend zu sehen, was hinter diesen Zetteln steckt", sagt sie, und: "Ich habe dazu natürlich auch noch das entsprechende Kind im Kopf. Fast alle haben die Schule mittlerweile verlassen, weil das Projekt schon 2012 lief, aber jetzt erst veröffentlicht wurde.

Verkauft wird das Büchlein im Café Zettel's Traum (Opladen, Altstadtstraße), in den Buchhandlungen Noworzyn (Opladen, Birkenbergstraße) und Gottschalk (Schlebusch, Mülheimer Straße).

(mkl)