Leverkusen: Wenn die Welt auf dem Kopf steht

Leverkusen : Wenn die Welt auf dem Kopf steht

"Das Glück macht nie so glücklich, wie das Unglück unglücklich." Mit diesem Zitat entließ das Prinzregenttheater Bochum seine Gäste nachdenklich aus der Inszenierung "Bilder deiner großen Liebe". Das Stück über Wolfgang Herrendorfs gleichnamigen Roman fasziniert und zieht den Zuschauer im Forum-Studio in eine groteske Welt, der er sich jedoch kaum entziehen kann.

Denn bei den drei Schauspielerinnen Miriam Berger, Linda Bockholt und Johanna Wieking sitzt jeder Handgriff. Auch wenn es mal etwas vulgär zugeht, versteht der Zuschauer sofort, was die Künstler damit ausdrücken wollen. Denn das Leben der Protagonistin Isa Schmidt steht wortwörtlich Kopf. Das erkennt man bereits am Bühnenbild - Bäume hängen verkehrt herum von der Decke, am Boden sind Sterne zu finden. Isa ist gezeichnet vom Leben, flieht aus einer Irrenanstalt und erlebt ihr ganz persönliches Abenteuer. Die 14-Jährige ist dabei stets leicht, offen, verrückt und schaut nach vorne. Ein Roadmovie zu Fuß. Dabei begegnet sie solch seltsamen Charakteren, dass berechtigt die Frage aufkommt, wer denn hier tatsächlich verrückt ist.

Die ursprüngliche Bühnenfassung war für einen Mann und eine Frau ausgelegt. Doch Regisseur Frank Weiß wusste schnell, dass er das so nicht haben will: "Bereits im Roman Tschick, in der Isa das erste Mal vorkommt, hatte ich das Gefühl, dass man ihrem spannenden Charakter eigentlich mehr Aufmerksamkeit schenken könnte", sagt der 45-jährige. Deshalb war er froh, dass nach dem Tod von Wolfgang Herrendorf dieser Roman Postskriptum veröffentlicht wurde. Vielleicht mag es ein unvollendeter Roman sein, allerdings steht die Geschichte als vollendete Prosa da. Der Leser vermisst hier genauso wenig, wie die Zuhörer einen Satz bei Schuberts "Unvollendeter". "Beim Joggen kam mir dann die Idee, dass die verschiedenen Facetten von der Figur im Mittelpunkt stehen müssen", erzählt der Regisseur weiter. Und so entschied er sich, dass die Schauspieler allesamt die Protagonistin verkörpern sollen. Wie denkt, wie fühlt und wie handelt dieses 14-jährige Wesen, dass in jungen Jahren wohl einen sexuellen Missbrauch erfahren musste? Die Drittelung der Persönlichkeit in Fühlen, Denken und Handeln gelang auf allen Ebenen. Es war ein Genuss, den drei Schauspielerinnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Harmonisch flossen Texte, Bewegungen, Musik und Gesang ineinander. Selbst abrupte Unterbrechungen oder minutenlanges Stillstehen gehörten zu den stilistischen Mitteln, die die Geschichte stets flüssig erzählten. Jede Figur ging auf der Bühne ihren eigenen Weg, einzig die Musik verband die drei Facetten. Wenn sie musizierten, stand die Welt einen Moment still. Das war große Kunst auf der Bühne des Forums, die einige Gänsehautmomente erzeugte.

(hawk)